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Arboristin: Faszination für das Lebewesen Baum

Heiße, trockene Sommer machen den Straßenbäumen in den Städten immer mehr zu schaffen. Arboristen wie Helen Prüfer (29) wissen, was zu tun ist, um ihren ökologischen, emotionalen und monetären Wert zu erhalten. Aber nicht immer können sie geschädigte Bäume retten.

Blick auf den Landtag von Magdeburg, zwischen Bäumen hindurch (Foto: Rainer Möller)

Bei einem Freiwilligeneinsatz in Israel, den Helen Prüfer nach dem Abitur absolvierte, war sie fasziniert von den Baumpfleger*innen, die dort in die Palmen kletterten. Im Bachelor „Arboristik“ der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen fand sie dann den passenden Studiengang: „Ich wollte nicht in die Landschaftsarchitektur oder ins Gartendesign, sondern mit dem Lebewesen Baum arbeiten – ohne bis ins Alter auf die schwere körperliche Arbeit in den Baumkronen festgelegt zu sein.“

Genaue Analyse und individuelle Konzepte

Inzwischen arbeitet die 29-Jährige für die Bielefelder Firma ARBOR revital und kümmert sich um meist junge, also rund fünf bis 15 Jahre alte Bäume. Woran liegt es, wenn sie nicht richtig wachsen, Äste absterben oder sich nicht die erwartete Laubfarbe oder Wuchsform entwickeln? Vieles lässt sich an Stamm und Blättern ablesen, zum Beispiel Schädlingsbefall, mechanische Beschädigungen durch Sonnenbrand und Anfahrschäden oder Belastungen durch Trockenheit und Schadstoffeinträge, sagt Helen Prüfer. „Aber ein großer Teil der Pflanze steckt eben im Boden und ist nicht sichtbar.“ Also analysiert sie unter anderem die Wasserversorgung im Wurzelbereich, nimmt Bodenproben und lässt sie im Labor untersuchen. Mit den Ergebnissen erstellt sie ein individuelles Pflegekonzept, zum Beispiel für Bewässerung, Belüftung, Düngung, die Umgestaltung der Baumscheibe, also des Bodens rund um den Stamm, oder einen professioneller Schnitt. „Das Ziel ist immer, die Bäume möglichst lange zu erhalten“, erklärt die Arboristin: „Die haben ja nicht nur einen ökologischen, sondern auch einen ganz konkreten monetären Wert.“ Neupflanzungen sind teuer.

Porträt von Helen Prüfer (Foto: Christine Persitzky) Porträt von Helen Prüfer (Foto: Christine Persitzky)

Helen Prüfer

Beim Thema Bewässerung setzt ihr Arbeitgeber auf innovative Technik: „Wir ermitteln mit Sensoren in unterschiedlicher Bodentiefe an einzelnen Beispiel-Bäumen einer Pflanzung den aktuellen Wasserhaushalt. Damit nähern wir uns der Menge und dem Zeitpunkt an, also wann wie viel gegossen werden muss“, erklärt Helen Prüfer. Werden dann nur genau die Bäume, die Bedarf haben, zum richtigen Zeitpunkt gewässert, sinkt der Wasserverbrauch, es werden, ganz im Sinne von Nachhaltigkeit, Ressourcen geschont.

Auftraggeber für Revitalisierungsmaßnahmen sind meist die Kommunen. Helen Prüfer ist dafür in ganz Deutschland unterwegs, „mit dem Zug“, betont sie. Alle Bäume werden in der Regel zwei Mal pro Jahr beurteilt. Im Sommer erkennt man am Laub den Gesundheitszustand des Baumes besser, im Winter lässt sich sein Wachstum leichter messen. Jeder Befund wird sorgfältig dokumentiert. Die angezeigten Pflegemaßnahmen vermittelt Helen Prüfer bei Schulungen den ausführenden Kräften der Städte und Gemeinden. Dabei hilft ihr, dass sie während eines Auslandssemesters in Kanada selbst als Baumpflegerin gearbeitet hat.

Kommunikation ist wichtig

Helen Prüfer weiß aber auch, wie Verwaltungsapparate ticken. Nach dem Bachelor-Abschluss war sie einige Jahre im Baummanagement beim Grünflächenamt Frankfurt/Main tätig und unter anderem für Baumkontrollen zuständig. Die müssen regelmäßig bei allen Stadtbäumen durchgeführt werden, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten. Und wenn zum Beispiel eine alte, ökologisch wertvolle Eiche den Straßenverkehr gefährdet? „Dann müssen sich Grünflächenamt und untere Naturschutzbehörde – im Zweifelsfall sogar zwei Arboristen – darüber einig werden, was zu tun ist“, erzählt Helen Prüfer. Manchmal musste sie schweren Herzens entscheiden, dass ein Baum gefällt werden muss: „Mir hat es dann geholfen, mit Kollegen oder Vorgesetzten darüber zu sprechen, ob es wirklich keine andere Lösung gibt.“

In dem Fall ist die Kommunikation mit der Öffentlichkeit  extrem wichtig. Besonders emotional sei die Situation zuweilen auf Friedhöfen, erzählt die Baumexpertin. „Oft wurde die Grabstelle gezielt wegen des Baumes ausgesucht, der jetzt verschwinden soll. Das muss man den Menschen erklären, in einer verständlichen Sprache.“

Zurzeit absolviert Helen Prüfer berufsbegleitend den Masterstudiengang Urbanes Pflanzen- und Freiraummanagement an der Beuth-Hochschule für Technik Berlin und schätzt dabei den interdisziplinären Austausch. Mit ihrem Job ist sie rundum glücklich: „Ich habe bei meiner Arbeit viel individuelle Freiheit, ich kann viel draußen und unterwegs sein – das alles passt super gut zu mir.“

Weitere Einsatzfelder

Arborist*innen sind Expert*innen in Sachen Stadtbaum. Grünflächen in Städten und Gemeinden wie Parkanlagen, Verkehrsgrün oder Stadtwälder müssen geplant, gebaut und gepflegt werden. Dafür sind Arborist*innen zum Beispiel in Grünflächenämtern oder Naturschutzbehörden zuständig. Sie arbeiten aber auch selbstständig oder angestellt als (zertifizierte oder geprüfte) Sachverständige und Gutachter*innen, finden Anstellung im Garten- und Landschaftsbau, in Baumschulen, in der Gartenarchitektur oder in der Baumpflege. Je größer die Behörde oder das Unternehmen, desto spezialisierter können die Aufgabenbereiche sein.