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Beamter im gehobenen auswärtigen Dienst: Von Posten zu Posten rund um die Welt

Seit Sommer 2018 lebt und arbeitet Niklas Tiedge (27) in Islamabad. Der Zufall hat den gelernten Kfz-Mechatroniker in die pakistanische Hauptstadt geführt. Es ist die erste Station seiner gerade neu begonnenen Laufbahn als Beamter im gehobenen auswärtigen Dienst, die ihn alle drei oder vier Jahre in ein anderes Land führen wird.

Verschiedene europäische Flaggen auf einem Bürotisch.

„Im Ausland arbeiten, den Horizont erweitern, andere Kulturen kennenlernen, das wollte ich schon immer“, sagt Niklas Tiedge. Ursprünglich hatte der 27-Jährige vor, diesen Traum als Kfz-Mechatroniker eines großen deutschen Autoherstellers zu realisieren, der Zufall wollte es anders. „Bei uns im Werk in Wolfsburg war der Kasachische Außenminister, um sich die duale Ausbildung anzuschauen. Da ich Russisch spreche, habe ich die Delegation mit herumgeführt und bin dann mit dem Protokollbeamten ins Gespräch gekommen“, erzählt er.

Von da an war er fasziniert von den Aufgaben an der Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Nationen, er informierte sich und hörte von den Karrieremöglichkeiten im Auswärtigen Amt. „Von Posten zu Posten rund um den Globus wandern, immer wieder neue Teams und neue Aufgaben, genau mein Ding“, sagt er. Mit Abitur, aber ohne abgeschlossenes Studium kam für ihn der gehobene Dienst in Frage – also bewarb er sich erfolgreich für das dreijährige duale Studium an der Hochschule des Bundes in Berlin.

„Es gibt ein mehrstufiges Verfahren mit Online-Bewerbung, schriftlichem Auswahlverfahren und Assessment Center. Deutsch, Mathe, logisches Denken, Allgemeinwissen, Englisch, Französisch – wir sind Generalisten. Es galt zu zeigen, dass man breit aufgestellt ist, sich für das aktuelle Zeitgeschehen interessiert, freie Rede beherrscht, eine schnelle Auffassungsgabe hat“, erinnert er sich.

Verlängerter Arm der deutschen Behörden

Ein Porträtfoto von Niklas Tiedge. Ein Porträtfoto von Niklas Tiedge.

Niklas Tiedge

In seiner Arbeit heute braucht er all das. Nach drei Jahren Studium mit Schwerpunkt Recht, Englisch und Französisch, startete er gleich als stellvertretender Leiter der Rechts- und Konsularabteilung in der deutschen Botschaft in Islamabad. Jetzt muss er sich ad hoc auf unterschiedlichste Situationen einstellen können und immer souverän agieren. Als Mitarbeiter einer deutschen Behörde im Ausland, stellt er Pässe und Personalausweise aus, erteilt Visa und kümmert sich um Deutsche, die vor Ort in Not geraten sind. „Jeder Tag ist anders. Vor kurzem haben wir erreicht, dass ein zwangsverheiratetes Mädchen nach Deutschland zurückkehren konnte und wir haben die Überführung eines Verstorbenen in die Wege geleitet, der dann in Deutschland bestattet werden konnte.“

Viele seiner Aufgaben erledigt Niklas Tiedge vom Schreibtisch aus, wobei er sich oft mit den Behörden und Ministerien zu Hause, mit den Botschaftskolleg*innen und zum Teil auch mit Nichtregierungsorganisationen (NGO) abstimmt. Daran ändert auch die Corona-Krise nichts: „Im Rechts- und Konsularbereich ist wie auch im Bürgeramt oder beim Notar der Kontakt zu Antragstellern und Kunden unausweichlich und damit auch die Anwesenheit im Büro nötig.“ Es wird aber versucht, Präsenz und Kontakte weitestgehend zu reduzieren. Beispielsweise ist er vormittags im Büro, nachmittags im Homeoffice. Treffen und Dienstreisen wurden durch Telefon- und Videokonferenzen ersetzt.

„Innerhalb der Botschaft und im Privatleben halten wir uns deshalb an die bekannten Hygiene-, Abstands- und Kontaktregeln und versuchen, uns jederzeit bestmöglich zu schützen.“ Im Büro gilt schon seit langem Maskenpflicht und die Arbeit erfolgt in einem Schichtsystem. „So kommt es vor, dass ich einige Kolleg*innen schon länger nicht getroffen habe.“

Kulturkontakte auf eigene Faust

In der Botschaft arbeiten einige Einheimische, gesprochen wird Englisch, genauso wie mit den Botschaftsbesucher*innen. Die Landesprache Urdu spricht Niklas Tiedge kaum. „Ich kann ein paar Phrasen, Tee bestellen, aber leider besteht nicht die Notwendigkeit Urdu zu lernen“, sagt er. Mit Land und Leuten vor Ort beschäftigt er sich vor allem in seiner Freizeit. „Mein Auslandssemester habe ich in der Botschaft von Tel Aviv absolviert und dabei im palästinensischen Ramallah gearbeitet. Hier hatte ich meine ersten Berührungspunkte zum Islam“, erzählt er und schildert, wie er sich mit Büchern über Kultur, Religion und Geschichte zu Pakistan eingedeckt hat, bevor er vor zwei Jahren hierher kam.

Islamabad hat er sich nicht ausgesucht. Der Posten wurde ihm zugeteilt. Das wird so weitergehen, alle drei bis vier Jahre wird er versetzt, ein Berufsleben lang. Mit Beginn seines Studiums im Fachbereich Auswärtige Angelegenheiten hat Niklas Tiedge seine uneingeschränkte weltweite Versetzungsbereitschaft erklärt. „Dass meine erste Station Pakistan sein wird, war und ist noch immer nicht leicht für meine Eltern. Sie würden mich niemals hier besuchen. In ihren Köpfen ist Pakistan ein Land des Terrors, dabei sind die Menschen so gastfreundlich hier“, sagt er. „Die Kulturen und die Landschaft sind so vielfältig, von den Stränden in Karatschi bis zum Hochgebirge im Himalaya. Es gibt so viel zu entdecken.“ Entdecken tut er auf eigene Faust. Mit 18 zusätzlichen Urlaubstagen zu den 30 Tagen, die ihm im Ausland zustehen, bleibt ihm dafür Zeit. „Die Arbeitstage in der Botschaft sind allerdings schon sehr stressig und nicht zu planen, vor 19 Uhr komme ich selten aus dem Büro.“

Im nächsten Jahr steht eine erneute Versetzung in ein anderes Land an. Danach führt ihn seine Laufbahn in der Regel zurück nach Deutschland: Nach zwei Auslandsposten folgt ein Einsatz im Auswärtigen Amt in Berlin. „Da wird es um konzeptionelle Grundsatzsachen gehen. Im Ausland danach wieder von Posten zu Posten zu immer mehr Verantwortung. Sehr interessant, es gibt Entwicklungsmöglichkeiten.“ Botschafter wird Niklas Tiedge auf diesem Weg allerdings nicht werden, dazu müsste er mit einem Vorbereitungsdienst in den höheren Dienst wechseln. „Das ist nicht mein Ziel, der politisch-analytische Bereich ist nicht so mein Ding“, sagt er.

Laufbahnen im Auswärtigen Dienst

Mittlerer Dienst: Zweijährige Ausbildung, Voraussetzung ist Realschulabschluss oder Hautschulabschluss plus Berufsausbildung, Einsatz weltweit im Datenmanagement, in der Buchhaltung, IT-Betreuung, Verwaltung und in der Pass- und Visa-Stelle

Gehobener Dienst: Dreijähriges duales Studium, Voraussetzung ist Allgemeine oder Fachhochschulreife, Einsatz weltweit als Sachbearbeiter*in oder Verwaltungsleiter*in im Rechts- und Konsularwesen, Verwaltung, Wirtschaft, entwicklungspolitische Zusammenarbeit, Kultur, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Protokoll

Höherer Dienst: 14-monatiger Vorbereitungsdienst, Voraussetzung ist ein Masterstudium, Einsatz weltweit als Referent*in in den Bereichen Politik, Wirtschaft, entwicklungspolitische Zusammenarbeit, Kultur, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Protokoll, mit Personalverantwortung, Aufstieg in Spitzenpositionen wie Botschafter*in oder Generalkonsul*in möglich