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Probleme in der Ausbildung: Wechsel ist besser als Abbruch

Wer seine Ausbildung abbricht, hat meist gute Gründe: zu viele Überstunden, ein*e cholerische*r Chef*in, lästernde Kolleginnen und Kollegen, zu weit weg von Zuhause, unterfordert in der Berufsschule, gesundheitliche Probleme oder abweichende Erwartungen vom tatsächlichen Berufsbild. Aber Achtung: Ein unüberlegter Abbruch kann eine Sackgasse sein!

Zu sehen ist eine junge Frau in einem Park, gekleidet mit einem grünen Parka, Wollschal und Wollmütze. Sie hält sich mit einer Hand an einem Baumstamm fest und blickt betrübt zu Boden. (Foto: Meramo Studios)

Nicht jedem fällt der Schritt von der Schule ins Arbeitsleben leicht. „Erfahrungsgemäß sind es meist zwischenmenschliche Konflikte, an denen die jungen Leute verzweifeln. Es menschelt an allen Ecken und Enden im betrieblichen Alltag“, sagt Patrizia Grün von der Industrie und Handelskammer (IHK) Ulm. Knapp 152.000 Auszubildende lösten im Jahr 2018 vorzeitig ihren Ausbildung auf, berichtet das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in seinem neuesten Datenreport. Doch nicht alle werfen komplett das Handtuch. Etwa die Hälfte schließt relativ zeitnah erneut einen Ausbildungsvertrag im dualen System ab.

Patrizia Grün leitet die Abteilung für Aus- und Weiterbildung der IHK Ulm. Sie empfiehlt den Azubis nicht gleich bei den ersten Problemen aufzugeben. Manchmal sei nur ein kleiner Streit oder ein Missverständnis der Auslöser. Durch ein offenes Gespräch lässt sich das meist klären. „Bei Problemen sollten sich die Azubis immer an den Ausbilder oder eine andere Vertrauensperson wenden“, rät sie und ergänzt: „Manchmal lassen sich Konflikte auch einfacher lösen, wenn sich eine neutrale Person die Situation von außen anschaut.“ Sei aus einer Mücke aber schon ein Elefant geworden, dann helfe nur noch ein Betriebswechsel.

Nicht unüberlegt hinschmeißen

Ein Foto von Patrizia Grün (Foto: Martina Dach) Ein Foto von Patrizia Grün (Foto: Martina Dach)

Patrizia Grün, IHK

Einiges muss unbedingt beachtet werden. Selbst wer kein Anrecht auf Arbeitslosengeld hat, sollte sich vor der Kündigung bei seiner Agentur für Arbeit vor Ort melden. „Es könnten sich unter bestimmten Voraussetzungen Nachteile beim Kindergeld und einer möglichen Familienkrankenversicherung ergeben“, sagt Stefan Krüger, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit in Schwerin. „Außerdem können wir bei der Suche nach einem neuen Ausbildungsplatz helfen.“ Zudem rät er dazu, erst einmal abzuwarten. Gerade in den ersten Wochen der Ausbildung entstünden oft Zweifel, die sich nach einer kurzen Eingewöhnungszeit vielleicht schon auflösen. „Ich empfehle, ein paar Wochen abzuwarten und zu schauen, wie es sich entwickelt. Vielleicht ist die nächste Abteilung ja schon spannender, die Menschen sympathischer“, sagt er.

Der Berufsberater regt die betroffenen Auszubildenden an, kritisch zu hinterfragen, was sie tatsächlich stört. „Ist es der Betrieb, die neue Wohnsituation, die Ausbildung selbst oder einfach nur die Umstellung auf das neue Leben mit 40 Arbeitsstunden?“ So könnten Abiturientinnen und Abiturienten außerdem Gründe aufspüren, die für sie vielleicht generell gegen eine Ausbildung und für ein Studium sprechen.

Erst die Alternative finden

Ein BIld von Stefan Krüger (Foto: privat) Ein BIld von Stefan Krüger (Foto: privat)

Stefan Krüger

Beide Expertinnen und Experten raten dazu, erst zu kündigen, wenn man einen neuen Ausbildungsvertrag oder einen Studienplatz in der Tasche hat. Denn in der viermonatigen Probezeit kann der Vertrag von heute auf morgen gekündigt werden. Später gibt es in der Regel eine Kündigungsfrist von vier Wochen. Bei der Suche nach einem neuen Ausbildungsbetrieb helfen die Agentur für Arbeit vor Ort und die örtliche IHK oder Handwerkskammer. Diese beraten auch, wenn fachliche und inhaltliche Gründe in der Ausbildung das Problem sind. Denn dann gilt es, einen neuen Beruf zu finden.

„Viele können sich nur unter wenigen Berufen etwas vorstellen, weil diese Berufe zum Beispiel bereits in ihrer Familie vorkommen oder im Alltag erlebbar sind. Es gibt jedoch über 320 spannende Ausbildungsberufe“, sagt Patrizia Grün von der IHK Ulm. „Zudem liefern die Medien oftmals ein ganz falsches Bild eines Berufs. Dann haben die jungen Leute völlig andere Erwartungen.“ Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, sich vorher zu informieren. „Neben einer persönlichen Berufsberatung gibt es Infos im Internet, beispielsweise im BERUFENET oder auf BERUFE.TV, und auf Berufsmessen. Auch Orientierungstests oder ein Schulpraktikum vorab können Klarheit bringen.“

Irrtümer lieber offen eingestehen

Stefan Krüger versteht Fehlentscheidungen: „Gerade wenn man jung ist, weiß man nicht immer genau, was man kann und will.“ Auszubildende, die schon genau wissen, wie sie weitermachen wollen, können versuchen, im gerade angefangenen Ausbildungsjahr in eine neue Ausbildung umzusteigen. „Es gibt immer Betriebe, die händeringend Azubis suchen“, sagt Patrizia Grün. Der bis dahin verpasste Schulstoff müsse aber eigenverantwortlich nachgeholt werden.

Bei der Bewerbung für einen neuen Ausbildungsplatz empfehlen beide Berater*innen maximale Offenheit. „Wer eine Ausbildung wegen falscher Berufswahl abbricht, kann diesen Schritt gut begründen. Erfahrungsgemäß haben die Betriebe dafür Verständnis und schätzen, wenn man von seinem neuen Ausbildungsziel überzeugt ist und dafür kämpft“, sagt Patrizia Grün. Berufsberater Stefan Krüger ergänzt: „Eine gute Gelegenheit, die Beweggründe darzulegen ist das Bewerbungsgespräch. Im Anschreiben dagegen würde ich es nicht thematisieren.“

Ausbildungszeiten werden manchmal angerechnet

Auszubildenden, die nicht den Ausbildungsberuf sondern nur den Betrieb nahtlos wechseln, wird ihre Ausbildungszeit angerechnet. Das Gleiche gilt meistens für Azubis, die innerhalb eines Berufsfeldes den Beruf wechseln. Die anderen fangen von vorne an. Azubis, die bereits im zweiten oder dritten Lehrjahr sind, macht Patrizia Grün Mut zum Durchhalten. „Augen zu und durch kann auch eine Variante sein, um mit einem Ausbildungsabschluss in der Tasche neue Wege einzuschlagen. Was man hat, hat man“, sagt sie.

Für diejenigen, die Angst haben, durch die Prüfung zu fallen, gibt es kostenlos Nachhilfeunterricht. „Bei uns kann man die so genannten ‚Ausbildungsbegleitenden Hilfen‘ beantragen. Dann finanziert die Agentur für Arbeit den Zusatzunterricht“, sagt Berufsberater Stefan Krüger und wünscht allen zweifelnden Azubis, dass sie schnell eine Lösung für ihr Problem finden.

Weitere Informationen

Arbeitsagenturen

Die Berufsberater/innen der örtlichen Arbeits­agenturen besprechen mit dir deine Ausbildungsprobleme und helfen, Lösungen zu finden.

arbeitsagentur.de/kontakt

BERUFE.TV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit mit mehr als 300 Filmen über Ausbildungs- und Studienberufe
berufe.tv

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Beschreibungen in Text und Bild.
berufenet.arbeitsagentur.de/berufe

Studienwahl

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier findest du Informationen über Studienmöglichkeiten in ganz Deutschland. 
studienwahl.de

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB)

Zahlen und Fakten zum Thema Ausbildungsabbruch dokumentiert die Seite des Bundesinstituts für Berufsbildung.
bibb.de

Industrie- und Handelskammern

Bei Problemen in der dualen Ausbildung sind die IHKs vor Ort ein guter Ansprechpartner. Auf der Website der Dachorganisation gibt’s einen IHK-Finder mit Direktzugriff auf die örtliche Kammer.
dihk.de

Handwerkskammern

Die Handwerkskammern sind die richtige Adresse für Azubis in handwerklichen Berufen. Über eine Deutschlandkarte auf der Webseite der Dachorganisation findet man die jeweilige örtliche Vertretung.
zdh.de

Ausbildungsbegleitung VerA

VerA ist ein Angebot des Senior Experten Service (SES) an alle, die in der Ausbildung auf Schwierigkeiten stoßen und mit dem Gedanken spielen, ihre Lehre abzubrechen.
vera.ses-bonn.de