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Hebamme: Ein Beruf mit Kopf, Herz und Verstand

Für eine werdende Mama voll und ganz da sein, mit ihr durch Höhen und Tiefen gehen, das ist genau Jessika Sigmunds (26) Ding. Seit vier Jahren arbeitet sie als examinierte und studierte Hebamme.

Eine Hebamme untersucht den Bauch von einer schwangeren Frau.  (Foto: Frank Pieth)

„Als ich meine erste Geburt erlebt habe, war ich total hin und weg. Was für ein Wunderwerk unser Körper vollbringen kann. Da wird ein fertiger, kleiner Mensch geboren. Alles ist dran, einfach so herangewachsen und auf die Welt gekommen, und wir müssen gar nicht viel tun“, erinnert sich Jessika Sigmund. Das ist mittlerweile über sechs Jahre her. Damals steckte sie noch mitten in ihrem dualen Studium an der Hochschule Fulda. 2016 hat sie ihren Bachelor und das staatlich anerkannte Hebammenexamen gemacht. „Ich war im Wochenbetteinsatz im Krankenhaus. Die Frau hatte schon zwei Kinder auf die Welt gebracht. Alles war so harmonisch, eine so unbeschreiblich schöne Atmosphäre“, schwärmt sie heute noch. Nicht jede Geburt, nicht jede Schwangerschaft verlaufe so unkompliziert, schiebt sie nach. „Es gibt Totgeburten, Kinder, die krank auf die Welt kommen, Frühgeburten. Frauen, die ihre Kinder im Bauch verlieren. Auch damit muss man umgehen können“, betont sie. „Wir müssen belastbar sein, psychisch und physisch.“

Jessika Sigmund ist zu 80 Prozent festangestellt in einer Klinik im Schwäbischen – und sie betreut Mütter in der Schwangerschaft und nach der Geburt als freiberufliche Hebamme. Dabei untersucht sie die Schwangeren, tastet ihren Bauch ab, überprüft die Herztöne der Babys, bespricht Sorgen und Nöte und berät bei Stillproblemen. „Diese Kombination ist genau das richtige für mich“, sagt sie. „So kann ich die komplette Bandbreite meines Berufes ausleben und bin nicht nur bei den Geburten dabei. Der enge Kontakt zu den Frauen, zu den Säuglingen und Familien ist mir wichtig.“ Früher hat sie auch Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse gegeben, unter anderem aus Zeitnot aber mittlerweile wieder damit aufgehört

Auf Augenhöhe mit den Ärztinnen und Ärzten

In der Klinik arbeitet sie im Schichtdienst: früh oder spät, auch nachts und immer mal wieder im Bereitschaftsdienst auf Abruf. Seit Corona mit Mund-Nasen-Schutz. „Da muss man fit sein. So eine Geburt findet ja nicht im Bett statt. Wir Hebammen turnen richtiggehend mit“, lacht sie und erklärt, dass sie zwar viel mit ihrem Körper und ihren Händen arbeite, dass dies aber längst nicht alles sei. „Das Qualitätsmanagement und die Dokumentation spielen eine große Rolle. Wir müssen alles dokumentieren. Wenn man eine Frau in den Wehen über acht Stunden begleitet, da kommen manchmal bis zu zwölf Seiten Fließtext zustande. Was macht der Nabel, wie sieht die Brust aus? All das muss ich beobachten und festhalten, auch wenn ich die Frauen freiberuflich zuhause aufsuche.“

Jessika Sigmund agiert dabei weitgehend selbständig. Verläuft eine Geburt komplikationslos, muss kein ärztliches Personal dabei sein. „Wir sind trotzdem immer im Austausch, im Idealfall auf Augenhöhe“, sagt sie. „Wir dürfen allerdings keinen Ultraschall durchführen. Das brauchen wir in der Regel aber auch nicht, wir haben gelernt am Bauch zu erfühlen, wie das Baby liegt und ob es genug Fruchtwasser hat“, sagt sie. Durch das Studium hat sie gelernt, evidenzbasiert zu arbeiten und Methoden auch immer zu hinterfragen. „Ich bin wissbegierig und  möchte das Beste für Mutter und Kind herausholen.“ Berufsbegleitend studiert sie deshalb nun an der Medizinischen Hochschule Hannover im internationalen Master Hebammenwissenschaft, auch um später vielleicht in die Lehre zu gehen. Davor möchte sie aber unbedingt noch ins Ausland n und in einem skandinavischen Land oder in Großbritannien miterleben, wie Hebammen in einem anderen Gesundheitssystem arbeiten, Frauengesundheit fördern und Schwangerschaften, Geburten sowie Wochenbett- und Stillzeit begleiten.