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Mathematikerinnen und Mathematiker – Interview: „Nichts geht ohne Mathematik“

Thomas Vogt ist Pressesprecher der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Im Interview spricht er über die neuesten Entwicklungen der Branche und gibt Tipps für den Berufseinstieg.

Mann steht vor einer Flipchart mit mathematischen Formeln (Foto: Jörg Moritz)

abi» Herr Vogt, wie hat sich der Arbeitsmarkt für Mathematikerinnen und Mathematiker in den letzten Jahren verändert?

Thomas Vogt: Die Überschneidungen mit anderen Fächern, wie Physik, Informatik, Biologie, Logistik oder den technischen Bereichen, haben sehr stark zugenommen. Viele Forschungsprojekte aus den Naturwissenschaften, aber auch in Wirtschaft und Industrie, greifen zunehmend auf mathematische Methoden zurück. Stichwort Simulation: Jedes neue Fahrzeug, jeder neue Flugzeugtyp entsteht heutzutage und in Zukunft als Computermodell, dessen Eigenschaften zunächst im virtuellen Raum getestet werden. Dabei kommen hochkomplexe Programme und Virtual Reality zum Einsatz. In den Zukunftsbereichen Künstliche Intelligenz, Robotik, soziale Netzwerke und Big Data sind mathematische Fachkräfte unverzichtbar. In diesen Bereichen geht nichts ohne Mathematik.

abi» Welche Fähigkeiten sollte man mitbringen, wenn man als Mathematikerin oder Mathematiker Karriere machen will?

Thomas Vogt: Man sollte in der Lage sein, selbstständig und strukturiert zu arbeiten. Arbeitgeber schätzen an Mathematikerinnen und Mathematikern besonders die Fähigkeit, Probleme in Einzelprobleme zu zerlegen und zu lösen. Diese Kompetenzen erwirbt man im Studium. Außerdem sollte man teamfähig und flexibel sein. Ebenso sind Fremdsprachen wichtig: Englisch ist ein Muss, eine weitere Sprache von Vorteil. Ein Auslandssemester während des Studiums bringt sprachlich, fachlich und persönlich wichtige Erfahrungen. Außerdem gehören heute Programmierkenntnisse zu fast jeder Stellenanforderung für Mathematik-Absolventinnen und -Absolventen dazu.

abi» Es gibt verschiedene mathematische Studiengänge. Welche Tipps haben Sie für die richtige Studienentscheidung?

Thomas Vogt: Wenn man schon vorher weiß, in welchem Bereich man später arbeiten möchte, können Kombinationsstudiengänge wie Technomathematik oder Wirtschaftsmathematik das Richtige sein. Und mit einem dualen Studium in Mathematik hat man von Anfang an in einem Unternehmen den Fuß in der Tür. Für die meisten ergibt sich diese Entscheidung jedoch erst später. Hier empfiehlt sich das reine Fachstudium, wo man alle nötigen fachlichen Grundkenntnisse und Fähigkeiten erwirbt, die bei den Arbeitgebern gefragt sind. Die Zusatzkenntnisse für die späteren Arbeitsbereiche kann man dann immer noch ab dem Masterstudium erlernen. Wer besonderen Wert auf praktische Anwendung legt, für den kann ein Studium an einer Fachhochschule interessant sein, oder eben ein duales Studium.

abi» Wie gelingt der Berufseinstieg am besten?

Thomas Vogt: Karrieren in der Wissenschaft sind mit Promotion und Habilitation praktisch vorgegeben, im Lehramt mit Staatsexamen und Referendariat. Den Kontakt zu Unternehmen kann man gut über Traineeprogramme bekommen, soweit im Angebot. Viele Firmen bieten auch schon Themen für Bachelor- oder Masterarbeiten an. Gerne werden Studierende nach einer ersten erfolgreichen Zusammenarbeit übernommen. Allerdings wird kaum jemand gleich seinen Traumjob bekommen. Mein Tipp deshalb: einfach anfangen. Jede Berufserfahrung, die man erwirbt, bringt einen weiter. So kann man beispielsweise erst einmal Programmiererfahrung sammeln oder sich in ein Anwendungsgebiet einarbeiten. Bei dem dynamischen Arbeitsmarkt für Mathematikerinnen und Mathematiker ist ein Wechsel oder Aufstieg später immer möglich. Wer beispielsweise als Mathematikerin oder Mathematiker in einer Bank oder Versicherung arbeitet, kann später oft auf Kosten des Hauses eine Zusatzausbildung zur Aktuarin oder zum Aktuar machen.