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Ausbildung ade, Studium hallo?: Ausbildungsberufe im Krankenhaus - Akademisierung

Nicht erst seit Corona hat sich herumgesprochen: ohne Pflegfachleute, ohne Therapeut*innen, ohne Hebammen und Entbindungspfleger kein funktionierendes Gesundheitssystem. Doch Nachwuchs in diesen verantwortungsvollen Berufen ist rar. Eine Akademisierung der Ausbildung soll Abhilfe schaffen. abi» gibt einen Überblick wie weit man damit schon ist.

Junger Mann sichtet gemeinsam mit einer Ärztin an einem Computer auf dem Gang ein Krankenhauses ein Röntgenbild. (Foto: Julien Fertl)

Die Attraktivität des Hebammenberufs habe zugenommen. Die Anzahl der Interessierten seien gestiegen und Deutschland halte Schritt mit der EU. Das ist die erste Bilanz des Deutschen Hebammenverbands (DHV) im Januar 2021, ein Jahr nach der offiziellen Akademisierung der Hebammenausbildung. Statt Berufsfachschule heißt es nun, ab an die Hochschule und Angewandte Hebammenwissenschaft, Hebammenkunde oder auch Midwifery studieren. So lauten nun beispielsweise die Bezeichnungen der neuen Bachelor-Studiengänge.

Die Akademisierung der Hebammenausbildung ist ein Beispiel für den Trend, pflegerische und therapeutische Ausbildungsberufe an die Hochschulen zu bringen. Auch in puncto Medizinisch-Technischer Berufe gibt es erste Bestrebungen, die aber noch ganz am Anfang stehen. Man erhofft sich unter anderem mehr Attraktivität, eine höhere Anerkennung und eine bessere Bezahlung. So sprechen sich beispielsweise auch Verbände wie der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe, die Deutsche Gesellschaft für Pflegewissenschaften sowie der Deutsche Pflegerat für eine Akademisierung ihrer Professionen aus.

Bisher noch Modellstudiengänge

Modellstudiengänge in der Pflege gibt es bereits. Die Studiengänge heißen zum Beispiel Angewandte Pflegewissenschaft, Gesundheitswissenschaften oder Evidenzbasierte Pflege. Im therapeutischen Bereich zum Beispiel Angewandte Therapiewissenschaften oder auch einfach Ergotherapie. Viele davon sind dual organisiert, das heißt, sie laufen in Kombination zu Praxisphasen oder einer schulischen Ausbildung mit staatlicher Anerkennung an einer Berufsfachschule ab.

„Es braucht akademische Pflegekräfte am Bett“, begründet Angela Jester die Entwicklung. Sie ist Leiterin des Bereichs Erstausbildungen am Bildungszentrum für Gesundheitsberufe der Asklepios Kliniken Hamburg, das ebenfalls ein duales Studium Pflege anbietet. „Pflege ist Prozessteuerung, sie ist ein komplexes, anspruchsvolles Tätigkeitsfeld. Gerade im Umgang mit multimorbiden, schwerkranken Patienten benötigt man eine hohe Expertise, um deren Genesungsprozesse zu steuern“, erläutert sie.

Auf Augenhöhe mit Ärzt*innen

Das gleiche gilt für die Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie. Mit Ärzt*innen auf Augenhöhe über Therapieansätze zu entscheiden und evidenzbasiert zu agieren, ginge nur mit einem Studium, sagen Expert*innen wie Dr. Marion Grafe, Leiterin der Stabstelle Therapiewissenschaften an der Uniklinik Münster oder Michaela Evans, Forscherin im Schwerpunkt Gesundheit am Institut Arbeit und Technik (IAT) der Westfälischen Hochschule.

„Viele der Studiengänge im therapeutischen und pflegerischen Bereich, die derzeit in Deutschland neu entstehen, gab es in anderen europäischen Ländern schon lange“, ergänzt Michael Hümmer, Berufsberater bei der Agentur für Arbeit Fürth. Die Akademisierung trage zur europäischen Vergleichbarkeit der Abschlüsse bei, weshalb manche Studiengänge auch englische Titel tragen, wie beispielsweise Health Care Management oder Advanced Nursing Practice.

Europaweite Arbeitsmobilität

Die Vergleichbarkeit wiederum ermögliche es den Absolventen*innen, unkompliziert europaweit arbeiten zu können. „Auch während des Studiums können Auslandserfahrungen gesammelt werden – das ist bei Ausbildungsberufen nur sehr selten möglich“, erklärt der Berufsberater. Ein Bachelor-Studium biete sich zudem für all jene an, die sich verstärkt mit theoretisch-wissenschaftlichen Fragestellungen beschäftigen möchten und die sich sofort oder nach einigen Jahren in der Praxis mit einem Master spezialisieren wollen, zum Beispiel für den Bereich (Qualitäts-)Management.

Dennoch: In der Therapie werden immer noch vor allem Fachkräfte mit berufsfachlicher Ausbildung beschäftigt. Und auch im Pflegebereich meldete das Statistische Bundesamt zuletzt weniger als ein Prozent Pflegepersonal mit pflegewissenschaftlichem Hochschulabschluss.

Weitere Informationen

BERUFENET

Das Netzwerk für Berufe der Bundesagentur für Arbeit mit über 3.000 ausführlichen Beschreibungen in Text und Bild (Suchwort: Pflege, Therapie, Medizin).
berufenet.arbeitsagentur.de

BERUFE.TV

Das Filmportal der Bundesagentur für Arbeit mit mehr als 300 Filmen über Ausbildungs- und Studienberufe.
berufe.tv

Berufsausbildung und mehr

In dieser Datenbank kannst du nach schulischen und betrieblichen Ausbildungsberufen recherchieren

arbeitsagentur.de/berufsausbildung

Ausbildungsplatzsuche der Bundesagentur für Arbeit

arbeitsagentur.de/ausbildungsplatzsuche

Deutscher Pflegerat

Bundesarbeitsgemeinschaft Pflege- und Hebammenwesen
www.deutscher-pflegerat.de

Deutscher Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK)

Interessenvertretung der Gesundheits- und Krankenpflege, der Altenpflege und der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege.
www.dbfk.de/

Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG)

www.dkgev.de

Dachverband für Technologen/innen und Analytiker/innen in der Medizin Deutschland (DVTA)

Berufsverband für alle Medizinisch-technischen Assistenten-Berufe (MTA) mit einer guten Übersicht über MTA-Schulen in Deutschland.
www.dvta.de

Deutsche Röntgengesellschaft (DRG)

www.drg.de

Vereinigung Medizinisch-Technischer Berufe (VMTB)

www.vmtb.de

Verband medizinischer Fachberufe (VMF)

In der Gewerkschaft sind Medizinische Fachangestellte organisiert.
www.vmf-online.de

Hochschulverbund Gesundheitsfachberufe

Interdisziplinärer Zusammenschluss zur Förderung der Therapiewissenschaften im deutschsprachigen Raum.
www.hv-gesundheitsfachberufe.de