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Das sagen Personalverantwortliche: Studienwechsler im Bewerbungsgespräch

Wie denken Recruiter über Studienwechsler? Wie wird ein Studienwechsel im Lebenslauf wahrgenommen? Für abi» berichten vier Personalverantwortliche, wie sie das wahrnehmen.

Zwei blonde Frauen am Schreibtische. Eine Frau mit langen Haaren im grauen Blazer und T-Shirt mit V-Ausschnitt lächelt; ihre Hände ruhen auf einigen Papieren. Hinter ihr ein Bild hängt an der Wand und eine große Pflanze steht in der Ecke. Die andere Frau von hinten fotografiert mit zurückgebundenen Haaren, Brille und dunkelgrauem Blazer scheint zu sprechen, weil ihre Hände in Bewegung sind. Auf dem Schreibtisch liegen eine Zeitschrift und eine Schüssel mit Süßigkeiten drin. (Foto: Thomas Lohnes | Bundesagentur für Arbeit)

Andreas Gorselewski, Recruiter bei DATEV

Porträt von Andreas G. (Foto: Daniel Tkatsch) Porträt von Andreas G. (Foto: Daniel Tkatsch)

„Aufgrund meiner Erfahrung als Personaler kann ich sagen: Keine Angst vor einem Studienwechsel. Viele Abiturientinnen und Abiturienten kennen nur die Berufe, die ihr direktes Umfeld ergriffen hat und entscheiden oft auf Grundlage dieses Erfahrungsschatzes, was sie studieren möchten. Nach den ersten Erfahrungen im Studium kann es schon passieren, dass einem ein anderes Fach viel besser gefällt. In dem Fall sollte man sich auch trauen, das Studienfach zu wechseln. Grundsätzlich empfehle ich, schon vor dem Studium Praktika in unterschiedlichen Bereichen zu machen. So kann man viel besser herausfinden, was einem gefällt.

Ich sehe es auch überhaupt nicht kritisch, wenn jemand das Studium gewechselt hat, es kann einen Bewerber sogar interessanter machen. Auf der einen Seite gibt es ihm zusätzliche Erfahrung in einem weiteren Fachbereich, selbst wenn das erste Studium nicht abgeschlossen ist. Auf der anderen Seite zeigt es, dass der Bewerber reflektiert hat und flexibel ist. Das Wichtigste ist, dazu zu stehen. Man sollte nicht versuchen, den Wechsel im Lebenslauf zu vertuschen. Das fällt wiederum eher negativ auf. Und um eine weitere Sorge zu nehmen: Von einem Jahr Extrastudium ist noch kein Bewerber zu alt geworden.“

Christian Ullmann, Co-Leitung Human Resources bei medi GmbH

Porträt von Christian U. (Foto: Tom Schwarz) Porträt von Christian U. (Foto: Tom Schwarz)

„Die Persönlichkeit und das Gesamtpaket einer Person sind wichtiger als ein perfekter Lebenslauf. Ein Studienwechsel heißt auch, einen einmal eingeschlagenen Weg zu korrigieren – und das kann durchaus ein Zeichen von Stärke sein. Diese Fähigkeit ist im Berufsleben immer wieder gefragt: Bei medi liegt uns viel daran, Menschen in unser Team zu holen, die lösungsorientiert denken, die die eigene Komfortzone auch mal verlassen und Mut zur Veränderung mitbringen. Wer eine Neuorientierung während des Studiums im Anschreiben und im Vorstellungsgespräch gut erklärt und erzählt, wie diese die persönliche und fachliche Entwicklung positiv beeinflusst hat, hat keine Nachteile zu befürchten. Problematisch wird es bei sehr häufigen Wechseln, da sie Kandidatinnen und Kandidaten unentschlossen, sprunghaft und wenig zielstrebig wirken lassen. Im Recruitingprozess möchten wir natürlich Menschen finden, die gut zum Unternehmen passen und auch längerfristig Teil des Teams sein wollen.“

Diana Bröking, Vice President Recruiting Post & Paket Deutschland bei der Deutschen Post/DHL

Porträt von Diana B. (Foto: privat) Porträt von Diana B. (Foto: privat)

„Ein Studienwechsel in jungen Jahren ist ein positives Zeichen dafür, dass ein junger Mensch sich mit den eigenen Interessen auseinandersetzt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Studierende in der Orientierungsphase reflektieren, was ihnen Spaß macht, und es ist mutig, eine Entscheidung zu korrigieren. Generell sollten junge Menschen einen Beruf wählen, der ihnen Spaß macht, denn dann ist die Leistung, die man erbringt, meist am besten und dies eröffnet viele Möglichkeiten.

In einem Logistikunternehmen wie der Deutschen Post DHL gibt es viele verschiedene Berufe. Viele kennen das Unternehmen nur aus der Zustellung von Briefen und Paketen, aber vergessen dabei, dass hinter den Kulissen viel Innovation geschieht, umfangreiche Netzwerke gesteuert und große Betriebsstätten mit vielen Menschen jeden Tag organisiert werden. Deswegen arbeiten bei uns Fachleute aus den verschiedensten Bereichen: Naturwissenschaften, Ingenieurwesen, Wirtschaft und mehr. Erfahrungen in mehreren Bereichen, ob mit oder ohne Studium, sind daher immer von Vorteil. Außerdem zeugt es von Flexibilität. Wir haben zudem außerordentlich gute Erfahrungen mit der Form des dualen Studiums gemacht, weil die große Nähe zur Praxis für Studierende wie Unternehmen den Start erleichtert. Gerade in großen Unternehmen gibt es nach dem Einstieg oft die Möglichkeit, intern Aufgabenbereiche zu wechseln. Bewusste Wechsel, die mit Überlegung gemacht wurden, bringen somit unterschiedliche Fähigkeiten zusammen und sind im Berufsleben willkommen.“

Christian Reiser, Talent Acquisition bei der Siemens AG

Porträt von Christian R. (Foto: privat) Porträt von Christian R. (Foto: privat)

„Ein Studienwechsel ist kein Beinbruch und kein Grund, sich im Hinblick auf eine Bewerbung Sorgen zu machen. Das Gesamtbild ist wichtig. Meistens gibt es sehr gute Gründe dafür, warum der erste Studiengang nicht der richtige war. Wir empfehlen unseren Bewerberinnen und Bewerbern, diese anzusprechen und zu teilen.

Neben der gewünschten Qualifikation spielen praktische Erfahrungen und erworbene Skills eine wichtige Rolle. Der Einblick in andere Bereiche, der oft mit einem Studienwechsel einhergeht, kann das sinnvoll ergänzen. Wichtig ist aber zu sehen, dass eine Ausbildung oder ein Studium auch erfolgreich zu Ende gebracht wurde.

Im persönlichen Gespräch ergibt sich das vollständige Bild. Hierfür ist eine gründliche Vorbereitung wichtig, denn Brüche im Lebenslauf werden angesprochen. Wenn die Kandidatin oder der Kandidat offen dazu steht, die Entscheidung reflektiert und transparent begründen kann, dann steht nichts dagegen, in die engere Wahl zu kommen.

Wir wollen die Besten für die jeweilige Stelle. Dafür suchen wir keine Superheldin beziehungsweise keinen Superhelden, sondern die Persönlichkeit, die optimal zu Siemens, zum Team und zu den Aufgaben passt.“