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Lehramtsstudentin: Abitur auf Umwegen

Nachdem sie ihr Abitur an einem Abendgymnasium nachgeholt hat, nahm Theresa Hilde (35)* ein Lehramtsstudium auf.

Blick auf ein Lehrerpult mit einem Laptop, einem aufgeschlagenem Buch und verschiedenen Stiften. (Foto: Julien Fertl)

„Auf dem Gymnasium dachte ich immer ganz selbstverständlich, dass ich Abitur machen würde“, erinnert sich Theresa. „Aber ich war nie besonders fleißig und ab der achten Klasse wurde es schwierig, weiterhin gute Noten zu bekommen.“ Sie wiederholte die 10. Klasse, bekam auch ein Empfehlungsschreiben für die Oberstufe, aber entschied sich dagegen. Stattdessen machte sie eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten in einer Frauenarztpraxis.

Zusage zum Medizinstudium

„Nach der Ausbildung bekam ich mein erstes Kind und schmiedete Pläne, Medizin zu studieren – aber dafür brauchte ich ja das Abitur“, erzählt Theresa weiter. Nach einigen Recherchen stieß sie auf das Abendgymnasium in Bielefeld. Dort konnte sie, neben der Familie und ihrer Arbeit in der Arztpraxis, in drei Jahren ihr Abitur nachholen. Zwar erhielt sie mit einer Abiturnote von 1,2 die Zusage zu einem Medizinstudienplatz an der Ruhr-Universität Bochum. Doch sie entschied sich aufgrund des langen Fahrtwegs dagegen. Stattdessen studierte sie zwei Semester lang Molekularbiologie an der Universität Bielefeld. „Das wurde mir jedoch schnell zu Labor-lastig, daher suchte ich noch einmal nach einer Alternative.“

Schließlich entschied sie sich nach einer Infoveranstaltung an ihrer Universität für ein Lehramtsstudium mit den Fächern Biologie und Germanistik. „Für die Medizin brenne ich nach wie vor, und Biologie ist da ein guter Kompromiss“, sagt die 35-Jährige, die ihr Bachelorstudium in gerade einmal zwei Jahren abgeschlossen hat und sich nun bereits im Masterstudium befindet. Ihr Wunsch ist es, nach ihrem Studienabschluss an einer Waldorfschule oder in der Erwachsenenbildung, etwa an einer Berufsschule oder einem Abendgymnasium, zu arbeiten. „Eine gute Lehrerin am Abendgymnasium in Bielefeld war mir hier ein großes Vorbild.“

Trennung von Studium und Privatleben

Wegen der Kinder versucht sie, ihre universitären Veranstaltungen alle auf den Vormittag zu legen – „auch wenn das bedeutet, dass ich nicht immer meine Wunschvorlesungen besuchen kann“. Durch Corona konnte sie viel von zu Hause aus studieren. „Aber jetzt bin ich froh, wieder an die Uni gehen zu können, weil die Trennung von Studium und Privatleben nicht immer leicht war.“

„Früher hatte ich keine Motivation. Ich habe einfach nicht verstanden, dass ich ja für mich lerne und nicht für die Schule“, sagt Theresa Hilde rückblickend. „Erst später habe ich erkannt, was ich wirklich will.“ Sie bereut es nicht, dass sie das Abitur nicht auf dem direkten Weg gemacht hat. „Jede und jeder muss für sich individuell abwägen, welche Weg der richtige für sie oder ihn ist – meiner war der über den zweiten Bildungsweg des Abendgymnasiums“, erklärt die angehende Lehrerin. Ihr Rat: Wer konkrete Pläne hat, etwa eine spezielle Ausbildung oder die Fachhochschulreife an einer beruflichen Schule, sollte diese Idee weiterverfolgen. „Wer hingegen noch gar nicht weiß, was er oder sie statt des Abiturs machen will, sollte vielleicht eher bis zum Abschluss durchhalten.“

 * Name wurde von der Redaktion geändert.