Erfolgreich studieren mit Handicap

Eine junge Frau im Rollstuhl wartet auf den Fahrstuhl.
Rund 264.000 Studierende, also elf Prozent aller deutschen Studierenden, sind durch eine Behinderung oder eine chronische Krankheit beeinträchtigt. Damit das Studium gelingt, stehen ihnen verschiedene Angebote für Beratung und Unterstützung offen.
Foto: Martin Rehm

Studieren mit Behinderungen

Erfolgreich studieren mit Handicap

Das Thema Inklusion – also das Ziel, dass jeder Mensch an allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben kann – wird in bildungspolitischen Auseinandersetzungen zumeist mit Blick auf Schule diskutiert. Doch wie gut kommen Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten an deutschen Hochschulen zurecht? Welche angemessenen Vorkehrungen, welche Unterstützungsangebote gibt es, damit das Studium mit Beeinträchtigung gelingt? Das zeigt abi>> im Folgenden auf.

Den eigenen Horizont erweitern und auf den Wunschberuf hinarbeiten, aber auch einfach neue Leute kennenlernen und das Studi-Leben genießen: Das Studium reizt einen Großteil der Abiturienten – so auch Abiturienten mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten. Für sie stellen sich jedoch – je nach individueller Situation – einige zusätzliche Fragen: Ist meine Wunschhochschule barrierefrei zugänglich? An wen wende ich mich, wenn ich Schwierigkeiten habe, die mit meiner Beeinträchtigung zusammenhängen? Wie finanziere ich krankheitsbedingte Studienunterbrechungen, technische Hilfsmittel, Gebärdensprachdolmetscher oder Studienassistenten?

Rund 264.000 Studierende in Deutschland haben eine gesundheitliche Beeinträchtigung, die sich erschwerend auf ihr Studium auswirkt. Das sind elf Prozent aller Studierenden hierzulande, hat das Deutsche Studentenwerk 2016 in der aktuellen 21. Sozialerhebung festgestellt – vier Prozentpunkte mehr als noch 2012.

Mehr als jeder Dritte von ihnen benötigt länger als zehn Semester für sein Studium – bei ihren Kommilitonen ohne gesundheitliche Einschränkung ist es nur gut jeder Fünfte. Außerdem unterbrechen sie mehr als doppelt so oft das Studium, durchschnittlich für 2,8 Semester. Daraus entstehende Finanzierungsprobleme, aber auch der Verlust der vertrauten Lerngruppe kann Studienschwierigkeiten auslösen oder verstärken.

Wer ist betroffen?

Zu den Beeinträchtigungen bei Studierenden zählen solche in der Mobilität, im Sehen, Hören und Sprechen, ebenso wie psychische Krankheiten – zum Beispiel Essstörungen oder Depression –, chronische Krankheiten wie Rheuma, Diabetes oder Morbus Crohn, aber auch Legasthenie, Autismus oder AD(H)S. Die mit Abstand häufigste Beeinträchtigung sind psychische Erkrankungen, die circa die Hälfte aller Studierenden mit Behinderungen betrifft.

Übrigens: Nur bei vier Prozent von ihnen ist die Beeinträchtigung auf Anhieb zu erkennen und bei gut zwei Dritteln ist sie auch auf Dauer nicht sichtbar. (Über seine Studienerfahrungen spricht der hörgeschädigte Comedian Toby Käp im Interview „Menschen mit Behinderungen sind viel mehr als nur ihr Handicap“.) Christine Fromme von der Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks (DSW) sagt hierzu: „Noch immer denken viele beim Thema Behinderung an den Rollstuhl oder den Blindenstock. Dabei studiert die Mehrzahl der Betroffenen mit chronischen oder psychischen Erkrankungen. Dafür müssen Lehrende und die Verwaltung noch besser sensibilisiert werden.“

Wo können Hürden bestehen?

Die Barrieren sind vielfältig, dennoch lassen sich einige Herausforderungen ausmachen, die alle betreffen können: Besonders häufig werden eine hohe Prüfungsdichte, Anwesenheitspflichten und zeitliche Vorgaben zum Leistungspensum als Auslöser für Schwierigkeiten genannt. Manche Studierende haben im Zusammenhang mit ihrer Beeinträchtigung Probleme mit Prüfungsdauer, Abgabefristen und Prüfungsart oder mit der fehlenden Rücksichtnahme von Lehrenden in Lehrveranstaltungen. Je nach Beeinträchtigung machen auch bauliche Barrieren, unzureichende räumliche Ausstattungen oder fehlende Rückzugsräume den Betroffenen zu schaffen. Das ergab die Umfrage „beeinträchtigt studieren – best2“ des Deutschen Studentenwerks (DSW), an der im Wintersemester 2016/17 fast 21.000 Studierende mit Behinderungen teilgenommen haben.

Nachteilsausgleich: was ist das?

Da noch immer verschiedene Hürden das Studium erschweren, müssen individuelle Maßnahmen für Nachteilsausgleich sorgen. Ziel ist es, auf diese Weise chancengleiche Studienbedingungen zu schaffen. Nachteilsausgleiche werden nicht pauschal vergeben, sondern individuell und situationsbezogen gestaltet. Sie sind keine „Erleichterungen“, denn Leistungsziele der Studien- und Prüfungsordnungen bleiben erhalten.

Über einen Nachteilsausgleich können zum Beispiel Abgabefristen verlängert, Prüfungen in separate Räume verlegt und Pausen individuell geregelt werden. Ein individueller Studienplan kann helfen, das Studientempo anzupassen. Nachteilsausgleiche für Prüfungen müssen zumeist schriftlich beantragt und vom Prüfungsausschuss genehmigt werden. Anpassungen in Lehrveranstaltungen müssen mit den Dozenten verabredet werden.

Wer Nachteilsausgleiche braucht, sollte sich möglichst frühzeitig an die Beauftragten oder Beratungsstellen für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten der Hochschulen wenden. Denn spezifische Beratung erhöht die Chancen auf die Bewilligung angemessener Nachteilsausgleiche. Auch das ist ein Ergebnis der Umfrage best2.

Sie zeigt allerdings auch: Nur knapp jeder dritte Befragte hat überhaupt jemals einen Nachteilsausgleich beantragt. „Viele Studierende mit Beeinträchtigungen wollen keine Sonderbehandlung, kennen ihre Rechte nicht oder haben Bedenken, sich zu outen, weil sie Nachteile befürchten“, erklärt Christine Fromme vom Deutschen Studentenwerk. Ihrer Einschätzung nach sollten Lehrende in den Hochschulen im Umgang mit Nachteilsausgleichen besser qualifiziert werden, um die Studierenden angemessen unterstützen zu können. Gleichzeitig rät sie den Studierenden mit Handicap, die sich oft lieber auf die vertraute Hilfe von Familienmitgliedern oder Ärzten und Therapeuten verlassen: „Das Studium sollte auch dazu dienen, Strategien im Umgang mit der eigenen Beeinträchtigung zu entwickeln, auch und gerade in Hinblick auf eine spätere Berufstätigkeit. Dazu gehört es, unabhängiger zu werden und Unterstützungsmöglichkeiten außerhalb des privaten Umfelds zu nutzen.“

Wie kann Unterstützung aussehen?

Immer mehr Hochschulen und Studentenwerke stellen sich der Aufgabe, inklusive und barrierefreie Studienbedingungen herzustellen. Alle Studentenwerke bieten etwa barrierefreie Zimmer oder Appartements an. Im Konrad-Biesalski-Haus in Marburg profitieren Studierende mit Beeinträchtigungen sogar von einem hauseigenen Pflegedienst.

Christine Fromme nennt weitere Beispiele: „In einer Reihe von Mensen gibt es Tablettwagen, hilfreich vor allem für Rollstuhlnutzer. Manche Hochschulen haben spezielle Unterstützung für beeinträchtigte Studienanfänger organisiert, andere bieten moderierte Gesprächsgruppen zu speziellen Themen oder regelmäßige Treffen für Studierende mit Beeinträchtigungen an. In vielen Hochschulen und einigen Studentenwerken gibt es barrierefreie Computerarbeitsplätze, wichtig insbesondere für Studierende mit Seh- oder Mobilitätsbeeinträchtigungen. An manchen Hochschulen stehen auch studentische Hilfskräfte zur Unterstützung zur Verfügung, zum Beispiel der Campusassistent in der Philosophischen Fakultät der Uni Göttingen.“ (Wie die Unterstützung durch Assistenten aussehen kann, liest du in der Reportage „Assistenten unterstützen im Studium“.)

Wer bietet Beratung an – und zu welchen Themen?

An fast allen Hochschulen und bei den Studentenwerken gibt es mittlerweile Beauftragte oder spezifische Beratungsstellen für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten. Neun von zehn Studierenden, die an der best2-Umfrage teilgenommen haben, kennen mindestens ein spezifisches Beratungsangebot; ein Drittel hat mindestens eines davon genutzt – deutlich mehr als noch 2011.

Beratung gibt es je nach Bedarf, beispielsweise zur Organisation technischer Hilfsmittel, zu Nachteilsausgleichen oder zum Umgang mit der eigenen Beeinträchtigung.

Wie finanziere ich mein Studium?

Ein wichtiges Thema ist zudem die Studienfinanzierung, da sich diese in der Regel aus Geldern verschiedener Kostenträger zusammensetzt. Zuständig sind zum Beispiel die BAföG-Ämter, die örtlichen und überörtlichen Sozialhilfeträger, die Träger der Grundsicherung für Arbeitssuchende und die Kranken- und Pflegekassen. In Einzelfällen können Berufsgenossenschaften und Versorgungsämter zu Zahlungen verpflichtet sein.

Für das Thema Finanzen sind die Sozialberater der Studentenwerke die richtigen Ansprechpartner. Studierende mit Behinderungen profitieren zum Beispiel von einem zusätzlichen Härtefreibetrag oder einer Verlängerung der Förderhöchstdauer beim BAföG. Bei den Stipendienprogrammen der Begabtenförderungswerke wird die besondere Situation von Studierenden mit Beeinträchtigungen ebenfalls berücksichtigt. Daneben gibt es einige wenige Stipendien, die sich speziell an Studierende mit Behinderung richten.

Mehr Infos

Bundesagentur für Arbeit

Menschen mit Behinderungen oder chronischer Erkrankung können sich hier über verschiedene Möglichkeiten informieren, wo sie im Studium Unterstützung bekommen können.

www.arbeitsagentur.de/bildung/studium/studieren-mit-behinderungen

studienwahl.de

Infoportal der Stiftung für Hochschulzulassung in Kooperation mit der Bundesagentur für Arbeit. Hier kannst du im „finder“ nach Studiengängen in ganz Deutschland suchen und dir Tipps zum Studium holen.

www.studienwahl.de

Beauftragte und Beratungsstellen für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten der Hochschulen und Studentenwerke

Fast alle Hochschulen und Studentenwerke haben Ansprechpartner für Studierende mit Behinderungen und chronischen Krankheiten. Suchmaske unter:

www.studentenwerke.de/de/content/kontakt-f%C3%BCr-studierende-mit-beeintr%C3%A4chtigung

Informations- und Beratungsstelle Studium und Behinderung (IBS) des Deutschen Studentenwerks (DSW)

Die IBS ist das bundesweite Kompetenzzentrum zum Thema Studieren mit Behinderung und chronischer Krankheit. Sie informiert im Internet zum Beispiel über Nachteilsausgleiche und Finanzierungsmöglichkeiten und berät per E-Mail oder Telefon. Außerdem gibt sie das Handbuch „Studium und Behinderung“ heraus, das kostenlos bestellt werden kann.

www.studentenwerke.de/de/content/die-ibs-stellt-sich-vor

Umfrage „beeinträchtigt studieren – best2“

Datenerhebung zur Situation Studierender mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen, herausgegeben vom Deutschen Studentenwerk, durchgeführt vom Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung

www.best-umfrage.de

einfach-teilhaben.de

Portal des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales mit Informationen für Menschen mit Behinderung

www.einfach-teilhaben.de

 

Einige der Organisationen, die speziell Studierende mit Behinderungen und chronischen Erkrankungen fördern:

Hildegardis-Verein

Mentoring-Programm für Studentinnen mit Behinderung

www.hildegardis-verein.de/mentoring.html

Anni und Keyvan Dahesch-Stiftung

Zielgruppe: Menschen mit schwerer Behinderung

www.frankfurt.de/sixcms/detail.php?id=771547&_ffmpar%5b_id_inhalt%5d=1836404

Stiftung Darmerkrankungen

Zielgruppe: Studierende, die an Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn leiden

www.stiftung-darmerkrankungen.de/stipendien

 

 

Studieren mit Sehbehinderung

Assistenten fürs Studium

Lisa Schmidt ist blind und absolviert das Lehramtsstudium in den Fächern Deutsch und Englisch an der Philipps-Universität Marburg. Die 25-Jährige kommt dank guter Organisation, Unterstützung und Ehrgeiz ihrem Wunsch immer näher, später an Gymnasien zu unterrichten.

„Erst wollte ich Radiomoderatorin werden. Aber im Studio funktioniert viel über einen Touchscreen, den ich nicht bedienen kann. Also habe ich mich fürs Lehramt entschieden, weil ich gerne mein Wissen weitergebe“, erzählt Lisa Schmidt. Sie studiert mittlerweile im siebten Semester an der Philipps-Universität Marburg und ist gerade von einem Auslandssemester in Irland zurückgekehrt.

Für Marburg hat sie sich entschieden, weil sie hier schon zur Schule gegangen ist. Außerdem unterstützt die Philipps-Universität schon seit Jahren Studierende mit Behinderung, was vieles für Lisa Schmidt und ihre Kommilitonen mit Einschränkungen einfacher macht. „In der Uni-Bibliothek gibt es zum Beispiel Leitstreifen und Computer für Blinde, auf denen Zeichen in Brailleschrift dargestellt werden, die wir mit den Fingern lesen können“, erklärt Lisa Schmidt. Dozenten stellen ihre PowerPoint-Folien auf eine Lernplattform, von der die Studierenden sie nach der Vorlesung herunterladen können. „In manchen Kursen bitte ich darum, dass die Folien vorher zur Verfügung stehen, damit ich mich vorbereiten kann“, sagt sie. Kann sie eine Folie mal nicht lesen, etwa weil sie als Bild statt als PDF abgespeichert wurde, spricht die Studentin mit den Dozenten und erklärt ihnen das Problem. „Die allermeisten sind einsichtig. Ohnehin finde ich es wichtig, dass man immer sagt, wo man Hilfe braucht“, lautet ihr Tipp.

Hilfe bei Literaturrecherche und Co.

Ein Porträtbild von Lisa Schmidt

Lisa Schmidt

Foto: privat

Unterstützung bekommt die 25-Jährige auch von mehreren Assistenten, die sie liebevoll „meine Elfen“ nennt. Mehrere Studentinnen suchen für sie in der Bibliothek Studienliteratur und scannen diese ein, damit Lisa Schmidt sie sich mit einem Screenreader am Computer vorlesen lassen kann. Die Assistenten helfen ihr bei der Vorbereitung von Präsentationen für Referate oder bei der Formatierung von Hausarbeiten.

Bezahlt werden sie vom Sozialamt. „Mit einem Schreiben der Servicestelle für Studierende mit Behinderung, das besagte, wie viele Stunden in der Woche ich Hilfe benötige, habe ich einen Antrag auf Eingliederungshilfe gestellt. Derzeit arbeiten drei Assistentinnen für mich – zum Examen werde ich sicherlich mehr brauchen, denn es hat ja nicht immer jede für mich Zeit.“ Ihre „Elfen“ findet Lisa Schmidt vor allem auf Facebook, wo sie die Nebenjobs postet.

Vieles braucht schlicht mehr Zeit

In den Vorlesungen macht sich die 25-Jährige mit dem Laptop viele Notizen. „Daher ist es wichtig, dass ich immer einen Platz mit Tisch bekomme, um meinen Laptop nutzen zu können. Bei vollen Vorlesungen bin ich daher gern frühzeitig im Hörsaal.“ Auch für Referate muss sie mehr Vorbereitungszeit einplanen als ihre Kommilitonen: „Ich muss Texte komplett lesen und kann sie nicht einfach überfliegen und mit einem Textmarker bearbeiten.“

Für Klausuren bekommt sie mehr Bearbeitungszeit, weil sie ihre Antworten mit dem Computer schreibt statt per Hand. Diesen Nachteilsausgleich hat sie beim Prüfungsamt beantragt. Schwierig wurde es bei einer Linguistik-Klausur, in der es um das Schreiben von Lautschrift ging, was Lisa Schmidt ohne Sehvermögen nicht kann. „Ich habe dann mit dem Dozenten vereinbart, dass ich statt in Lautschrift zusätzlich in anderen Bereichen geprüft werde.“

Gutes Netzwerk und Durchhaltevermögen

Derzeit macht die angehende Lehrerin ein Praktikum an einem Gymnasium und freut sich, dass sie von Schülern und Lehrerkollegen gut aufgenommen wird. „Das Unterrichten ist für mich eine Herausforderung, aber das war das Studium am Anfang auch – wie wahrscheinlich für alle Erstsemester. Wenn man sich ein gutes Netzwerk aufbaut und sich nicht unterkriegen lässt, ist aber auch mit Behinderung ein Studium gut zu schaffen“, ist sie überzeugt.

 

Toby Käp

„Menschen mit Behinderungen sind viel mehr als nur ihr Handicap“

Der Stand-up-Comedian Toby Käp (30) nimmt aus seiner Sicht des Hörgeschädigten komische Situationen mit mal unbeholfenen, mal bornierten Mitmenschen aufs Korn – und nicht zuletzt sich selbst. Mit abi>> spricht der Masterstudent der Theologie und Geschichte auch über sein Studium und was aus seiner Sicht für Studierende mit Behinderungen getan werden muss.

abi>> Herr Käp, warum haben Sie den Humor als Mittel gewählt, auf Missstände aufmerksam zu machen und Menschen zum Nachdenken anzuregen?

Toby Käp: Ich bin nicht auf die Bühne gegangen, weil ich auf Missstände aufmerksam machen möchte, sondern weil ich gemerkt habe, dass ich Leute unterhalten und zum Lachen bringen kann. Darüber hinaus bediene ich mit der Thematik der Hörschädigung ein Nischen-Thema und kann meinem Publikum Einblick geben, wie alltägliche Situationen von Menschen wahrgenommen werden, die hörgeschädigt sind. Humor macht es ungemein einfach, Inhalte mit Tragweite zu verarbeiten oder zu vermitteln.

abi>> Diese Inhalte betreffen unter anderem Ihre Studienzeit. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Ein Porträt-Foto von Toby Käp

Toby Käp

Foto: Oliver Sigloch

Toby Käp: Ich habe zum Beispiel einen Dozenten erlebt, der sich weigerte, eine Anlage zu nutzen, die das Gesprochene direkt ins Hörgerät überträgt. Das würde ihn beim Halten seiner Vorlesung behindern. Ich habe am Anfang meines Studiums drei Monate Verwaltungsaufwand betrieben, bis die Universität eine dieser Anlagen angeschafft hat. Es gibt nun genau eine. Vielleicht denkt die Universität ja bis heute, dass es nur mich als hörgeschädigten Studierenden gibt? Das Problem vieler ist, dass man mir und manch anderen unsere „Behinderung“ nicht direkt ansieht.

abi>> Was sind aus Ihrer Sicht weitere Probleme, denen sich Studierende mit Behinderungen stellen müssen?

Toby Käp: Menschen mit Handicap müssen allein wegen des Verwaltungsaufwands mehr für ihr Studium leisten als andere: Rollstuhlfahrer müssen eventuell Anträge auf eine Raumänderung stellen, weil der Raum für sie nicht zugänglich ist. Menschen mit Sehbehinderungen brauchen vielleicht einen Dolmetscher oder ein Dolmetschprogramm für den PC, um das Gesprochene in Brailleschrift übersetzen zu lassen. Menschen, die körperlich so eingeschränkt sind, dass sie nicht eine ganze Sitzung lang mitschreiben können, brauchen Fachkräfte, die genau dafür ausgebildet worden sind. Betroffene könnten bestimmt noch viele weitere Beispiele nennen.

abi>> Was könnte verbessert werden und wie?

Toby Käp: Hochschulen sollten sich fragen, wie sie die Arbeitsbedingungen für Studierende mit Behinderungen verbessern können. Und dabei reicht es nicht mehr aus, Beauftragte für chronisch kranke Studierende zu haben oder dass sich Lehrende einmal im Jahr zusammensetzen, um sich mit Fachleuten über die Theorie der Inklusion auszutauschen. Meiner Meinung nach sollten auf solchen Treffen betroffene Studierende sprechen, die die Probleme am eigenen Leib erfahren und wissen, wo die Inklusionsdefizite der Hochschule liegen. Und dann gilt: nicht nur über Inklusion reden, sondern sie auch leben.

abi>> In welchen Situationen an der Hochschule oder im Alltag empfinden Sie Ihre Behinderung tatsächlich als Einschränkung?

Toby Käp: Wenn Gruppenarbeiten in zu kleinen Räumen stattfinden, in denen viele Leute gleichzeitig reden, ist das für mich sehr anstrengend und ermüdend. Doch das mache ich niemanden zum Vorwurf – es gibt halt Situationen, mit denen muss ich lernen zu leben. Nach einem langen Tag an der Universität meldet sich in der Mensa manchmal sehr hörbar mein chronischer Tinnitus. Dann ziehe ich Kopfhörer an und versuche, die Umgebungsgeräusche abzuschalten.

abi>> Was möchten Sie jungen Menschen mit Behinderungen, die studieren möchten oder dies bereits tun, mit auf den Weg geben?

Toby Käp: Ich bin der Ansicht: Am Ende schafft man sein Studium, wenn man es will – trotz oder gerade wegen des körperlichen Defizits. Was viele vergessen: Menschen mit Behinderungen sind viel mehr als nur ihr Handicap – sie sind Menschen. Ich möchte nicht auf meinen Hörschaden reduziert werden, auch wenn ich ihn oft nennen muss, damit man versteht, wieso ich so bin, wie ich bin.

Mehr Infos

www.tobias-kaep.de


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Stand: 21.10.2019