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Master: Das Leben und der Tod

Autor:
Moni

Rubrik:
studium

23.04.2021

Eigentlich fing der April gut an. Doch dann starb mein Großvater. Ganz unerwartet war es nicht – über die letzten Jahre hat sich sein Zustand graduell verschlechtert: Erst hörte er auf, spazieren zu gehen, dann kamen zunehmende Schwierigkeiten beim Bewegen, die Muskeln bauten ab und in den letzten Wochen lag er nur noch im Bett und verweigerte Essen und Trinken. Trotzdem: Für mich schien mein Opa immer unsterblich. Allgemein war er einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben – als ich ein Kind war und all meine Ferien in der kleinen Warschauer Wohnung meiner Großeltern verbrachte, erzählte er mir jeden Abend vor dem Schlafen Geschichten, die er sich aus dem Stegreif ausgedacht hatte und die so unglaublich vielfältig, kreativ und spannend waren, dass ich mir immer gewünscht hatte, er würde ganze Bücher damit füllen. Er war der großzügigste, klügste Mensch, den ich je kennenlernen durfte, verbrachte mit mir in meiner Kindheit Stunden in Buchhandlungen und war bereit, mir trotz seiner bescheidenen Rente jeden Wunsch zu erfüllen. Er war der Inbegriff eines perfekten Großvaters, der alles erlaubte und immer Zeit und ein offenes Ohr für mich hatte.

Mein Opa war ein Mensch, der andere ermutigte, nach den Sternen zu greifen und meiner Mutter und mir immer das Gefühl gab, alles erreichen zu können. Er selbst hatte nie das Selbstbewusstsein zu erkennen, was für ein außergewöhnlicher Mensch er war. Sein Gedächtnis und unglaublich breites Wissen zu allen möglichen Themen waren so beeindruckend – trotzdem prahlte er nie damit. Er konnte die schwierigsten Probleme aufs Einfachste runterbrechen, beherrschte mehrere Sprachen, war geduldig, einfühlsam und gleichzeitig auf eine wunderbar zynische Weise humorvoll. Er war in der Lage, das Leben mit einer Gelassenheit zu betrachten, die ich mir immer versucht habe abzuschauen.

Egal, wie sehr sich sein Tod in letzter Zeit also andeutete, wahrscheinlich ist man niemals wirklich darauf vorbereitet, einen geliebten Menschen für immer zu verabschieden. Für mich war sofort klar, dass ich – Pandemie hin oder her – nach Warschau kommen müsste. Einen negativen Coronatest und eine sechsstündige Zugfahrt später war ich bei meiner Familie und erlebte diese intensive Art von Abschied zum ersten Mal. Wir waren zu viert auf der Beerdigung. Und ich verstehe jetzt, wie wichtig es ist, dieses Ritual am Ende eines Lebens zu haben, um wirklich irgendwann Frieden damit schließen zu können.

So traurig und bedrückend das alles ist, möchte ich auf einer positiveren Note enden. Es ist so ein Geschenk, Menschen zu haben, die einen bereichern, inspirieren und bedingungslos lieben. Mein Opa war ein großer und wichtiger Teil meines Lebens und ich hoffe, ich kann eines Tages wenigstens ansatzweise weitergeben, was er hinterlassen hat.