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Der Bücherschrank

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

17.02.2021

Es gibt Bücherschränke und es gibt Bücherschränke. In Wien in jedem Falle viele. Auf zahlreichen der kleinen oder großen Plätze stehen sie. Meist sind es Aluminiumkästen mit einer Glastür, hinter der sich die Bücher verbergen, die die Wiener durchgelesen haben – und noch durchlesen werden. So genial, so bekannt.

Doch dann ist da der Bücherschrank auf dem Sobieskiplatz. Ein Unikum. Der Platz, auf dem er steht, erinnert vielmehr an das Zentrum eines Dorfes als an den neunten Bezirk der österreichischen Hauptstadt. Niedrige Häuser, große Laubbäume, Blumenbeete, zahlreiche Bänke, der Freisitz einer Kneipe, die ihr eigenes Bier braut. Und dann ist da noch der Bücherschrank.

Er ist aus grün lackiertem Holz, zwei Etagen hat er. Eigentlich wirkt er recht unscheinbar, doch er hat es in sich. Die Bücherauswahl ist überragend, wirkt geradezu kuratiert. Und das Angebot wechselt ständig. Der Bücherschrank auf dem Sobieskiplatz hat eine magische Anziehungskraft. Ob die Sonne scheint oder, ob er vom schwachen Laternenlicht beleuchtet wird, man kann nicht an ihm vorbeilaufen. Teilweise wird sogar Schlange gestanden, um sich ein Buch auszuwählen.

Auch ich verweile jedes Mal einige Minuten und schaue mir die neuesten Titel an, wenn ich vorbeikomme. Und vor Kurzem habe ich auch selbst etwas beigetragen und einige aussortierte Bücher hier abgestellt. „Die will doch niemals jemand“, dachte ich mir, und ließ mich auf ein Experiment ein, stellte die Bücher in den Schrank und setzte mich auf eine der Bänke, um zu sehen, was passieren würde. Tatsächlich gingen ein noch eingeschweißtes Buch über ein Leipziger Theater und zwei Bände russischer Geigennoten als erstes weg. Und am nächsten Tag waren meine Bücher alle verschwunden und haben augenscheinlich ihren Weg in die Wiener Bücherregale und auf die Nachttische gefunden. Welch ein schöner Gedanke.

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