interaktiv

Medizin studieren

Struktur verloren

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

14.09.2017

Dies sind die ersten Zeilen, die ich seit einiger Zeit wieder für meinen Blog tippe. Ich habe mir immer viel vorgenommen für den Blog. Habe zuletzt versucht, ein Physikumslogbuch zu führen, um denen, die in Zukunft da durchwollen und müssen, einen kleinen Anker zu geben, eine Beschreibung, wie das alles läuft, wenn man selbst Medizin studiert. Leider konnte ich diese Serie nicht so fortführen, wie ich es mir gewünscht habe. Ich habe meine Struktur im Schreiben verloren.
Nun sitze ich vor meinem Bildschirm und sehe, wie die eben noch weiße Seite immer mehr schwarze Striche und Punkte bekommt. Und es fühlt sich befreiend an. Ich habe Ende August mein Physikum geschrieben und blicke nun zurück auf wahnsinnig herausfordernde Wochen und voraus auf ein halbes Jahr großes Abenteuer in Nepal, Myanmar, Thailand und Vietnam. Leider war die Zeit vor dem Physikum auch geprägt von Trauer und Schmerz.
Dass mein Großvater krank war, ist mir bekannt gewesen. In seinem letzten Urlaub mit meiner Oma, kam es zu einer akuten, unvorhergesehenen Verschlechterung seines Zu-standes. Es war damit zu rechnen, dass er in den nächsten Monaten, vielleicht sogar Wo-chen, sterben würde. Natürlich weiß ich, dass jeder irgendwann sterben muss. Als es dann soweit war, hat es mich dennoch unvorbereitet getroffen.
Ich war an dem Wochenende, als er starb, bei meinen Eltern. Eigentlich wollte ich ihn noch einmal besuchen, verpasste seinen wachen Zustand aber um einen Tag. Es ärgert mich bis heute. Er starb Ende Juli. Etwas mehr als drei Wochen vor meinem Physikum. Rückblickend liegt ein dunkler Schleier über der folgenden Woche. Ich spielte mit dem Gedanken, das Physikum dieses Jahr einfach sein zu lassen. Ich beriet mich mit meinem besten Freund, meiner Mitbewohnerin, die mit mir studiert, erhielt mehrere Meinungen und blickte in entsetzte, traurige, verständnisvolle, nachsichtige, gestresste, angespannte Gesichter.
Die Trauerfeier war die Erlösung. Sie entfernte den Schleier, die Last, die Bürde. Und so kam der Entschluss - mit dem Wissen, nicht alleine zu sein, sondern unterstützt zu werden: Ich wage es, ich mache es, ich lasse es nicht unversucht, dieses Physikum zu bestehen.

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