interaktiv

Zwischen Schule & Beruf

Auf eigenen Füßen

Autor:
Noelle

Rubrik:
auszeit nach dem abi

16.10.2012

Manchmal frage ich mich wirklich, wieso mir alle ihre gut gemeinten Ratschläge aufdrücken müssen. Nachdem ich es halbwegs erfolgreich geschafft habe, meine Mama von meinen eigenen Plänen zu überzeugen, die sich vielleicht nicht so damit decken, wie sie es gerne hätte, kommt auch schon die Nächste: meine Oma. Nichtsahnend ging ich ans Telefon und hätte ich gewusst, was mich erwartet, hätte ich es lieber gleich ganz ausgeschaltet. „Hallo, hallo, hast du denn schon eine Wohnung?” Spätestens bei dieser Frage schwante mir Böses. „Ich habe nämlich eine für dich! Ich hoffe, du bist mir nicht böse, aber ich habe eine Annonce geschaltet.”

Das sollte jetzt vermutlich der Moment sein, in dem ich in endlose Freudensprüngen und Dankesreden ausbreche. Jeder hätte so reagiert und jedem hätte ich es gegönnt. Wenn ich so darüber nachdenke lande ich zwangsläufig bei meiner Freundin, die in Tübingen immer noch kein Zimmer gefunden hat und vorerst mit Jugendherberge und Feldbett vorlieb nehmen muss. Was würde sie wohl zu solch einem Angebot sagen? Wenn ich könnte, würde ich es ihr mit einer Schleife verpacken und per Post schicken. Denn ich will es nicht. „Bitte was?!”, werdet ihr euch jetzt denken, „Wie undankbar kann ein Mensch sein?!” Aber hat es wirklich etwas mit Undankbarkeit zu tun, wenn man einfach mal seine eigenen Entscheidungen treffen möchte?

Wenn ich so darüber nachdenke, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Lachen, weil meine Oma mal wieder das getan hat, was sie am besten kann, nämlich sich aufzuspielen, als sei sie Superwoman und die Retterin der verlorenen Seelen. Und weinen, weil ich alles andere als gut mit meinem schlechten Gewissen umgehen kann, das sich in diesem Fall ungefragt, aber dennoch wirkungsvoll einschaltet.

Ganz sicher ist es verschwendete Lebensmüh, nach dem Wieso, Weshalb und Warum zu fragen. Das einzige Warum, das mich nicht loslässt, ist die Frage, wieso keiner akzeptieren will, dass ich jetzt alt genug bin, meine eigenen Entscheidungen zu treffen. Wieso weiß jeder besser, was gut für mich ist? Wieso fragt nie jemand, wie ich zu einer Sache stehe? Vielleicht möchte ich ja gar nicht alleine wohnen? Vielleicht möchte ich mir meine Wohnung einfach alleine aussuchen?

Nein. Stattdessen habe ich das Gefühl, wieder dankbar für etwas sein zu müssen, um das ich nicht gebeten habe. Sicher werde ich noch oft genug auf die Nase fallen und dann um die Hilfe meiner Familie bitten, aber es wäre schön, wenn ich mich bis dahin einfach selbst ausprobieren dürfte.

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