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Master live: Ein Land ist Hotspot

Foto von abi>> Blogger Ferdinand

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

27.10.2020

Die aktuellen Nachrichten aus Tschechien zu verfolgen ist wie auf der Autobahn einen Unfall zu sehen. Man weiß, man sollte jetzt einfach weiterfahren, den Blick nach vorne wenden und nicht auf die rechte Spur schauen. Man weiß, dass es einem beim Anblick von Warnblinklicht, aufgeplatzten Airbags und zerquetschten Karossen nicht besser gehen wird – und trotzdem fällt es schwer, nicht hinzusehen. Während man sich vom Unfallort entfernt, fragt man sich: Wie konnte es nur dazu kommen?
In Tschechien ist die Zahl der Corona-Infizierten nach oben geschnellt. Das Land ist im Lockdown. Die Fallzahlen werden nach Annahmen der Experten weiter steigen, Feldkrankenhäuser werden errichtet, Ärzte der NATO und Beatmungsgeräte eingeflogen, Medizinstudierende werden zur Hilfe verpflichtet.
Doch hätte es dazu kommen müssen? Sicher nicht. Zu Beginn der Pandemie agierte das Land noch mustergültig, ja, wie viele fanden, „übertrieben“, beispielsweise durch das Schließen sämtlicher Grenzen und der Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung außerhalb der eigenen vier Wände. Im Vergleich gab es sehr wenige Fallzahlen, so dass sich im Sommer ein Gefühl der Unbekümmertheit, vielleicht sogar Überlegenheit einstellte. Man habe die Pandemie besiegt, einen zweiten Lockdown werde es nicht geben, so Premierminister Babis. Die Verpflichtung zum Tragen eines Mundschutzes bestand nur noch in der Prager Metro und alles öffnete wieder. Über das, was mir meine Freunde aus Prag berichteten und was ich selbst bei meinen zahlreichen Aufenthalten vor Ort in den vergangenen Tagen, Wochen und Monaten erlebte, konnte ich nur staunen. Bei Wohnungsbesichtigungen gaben Vermieter freimütig sämtlichen Interessenten die Hand, im Kino war häufig jeder Sitzplatz besetzt, an der Supermarktkasse drängten sich die Kunden, bei einem Filmfestival wurden Filme auf engstem Raum gezeigt – all das ohne Mundschutz.