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Medizin studieren

Plitsch, Platsch

Autor:
Maril

Rubrik:
studium

09.06.2021

Mein Vater hat einmal zu mir gesagt, Regen sei die schönste Jahreszeit. Damals habe ich das nicht verstanden, ich habe ihm diesen blöden Spruch sogar übel genommen, denn er hatte ein Talent dafür, ihn genau dann anzubringen, wenn man gerade gar nicht empfänglich für derlei Poesie war. Beispielsweise wenn man in der Dämmerung irgendwo im Wald durchs Unterholz stiefelt, völlig durchnässt und durchgefroren, den heulenden Wind immer im Ohr, weil er meinte am Ende einer Wanderung noch die perfekte Abkürzung gefunden zu haben. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass „Abkürzung“ in meines Vaters Wortschatz ein Synonym für „Umweg“ ist, von dem er sich irgendwas verspricht: eine bessere Aussicht, eine interessantere Flora oder einfach nur einen anderen Weg.

Heute ist es eine amüsante Macke, die ich zu schätzen weiß, genau wie seine Liebe zum Regen. Das mag daran liegen, dass ich mich nun im Gegensatz zu früher frei entscheiden kann, ob ich ihn auf eine seiner Wanderungen begleiten möchte oder nicht. Die wahrgenommene Entscheidungskontrolle darüber, ob ich mitkomme oder nicht, macht es leichter es zu genießen – dabei habe ich noch nie davon Gebrauch gemacht und Nein gesagt. Mittlerweile bin ich auch was den Regen betrifft in seine Fußstapfen getreten – ich bin auch eine Pluviophile geworden. Es gibt ja zum Glück für alles ein schickes Fremdwort, auch für die Liebhaber von Regentagen.

Manchmal überfällt mich beim Geräusch des prasselnden Regens gegen mein Fenster der Wunsch, meinen Regenmantel anzuziehen und raus zu rennen, hinaus in dieses wunderbare Wetter. Im Sommer natürlich auch ohne Regenmantel. Das prasselnde Geräusch, das kühle Gefühl auf der Haut, der Geruch. Ich weiß nicht, es hüllt mich jedes Mal ein und lässt mich durchatmen. Vielleicht erinnert es mich auch an meine Kindheit, als ich mit meiner Schwester im Sommer immer barfuß durch den Garten gerannt bin, während uns der Regen erfrischend entgegenschlug. Oder es ist das schöne Gefühl, völlig durchnässt in die Wohnung zurückzukommen und mit einem Handtuch und einer Tasse Tee am geöffneten Fenster zu stehen und noch ein letztes Mal den Duft des Regens einzuatmen – bevor man sich wieder an den Schreibtisch setzt und in die Alltagsrealität zurückkehrt. Vielleicht klingt das jetzt nach zu viel Pathos, vielleicht auch ein bisschen esoterisch, aber ich denke, jeder hat etwas, was ihn entspannt. Bei mir ist es der Regen. Ich würde nicht sagen, dass er alle Sorgen wegwäscht oder ich ein melancholischer Mensch bin, der die graue regenverhangene Landschaft als Spiegel seiner Seele sieht. Ich werde jedenfalls auch in Zukunft noch ein paar irritierte Blicke von Passanten einfangen, wenn ich wieder freudestrahlend durch den Regen tänzle. Was solls, jeder hat seine Macken – und meine hab ich offensichtlich sogar von meinem Vater geerbt.

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