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Schülerleben live: Was ich vermisse...

Ein Porträt-Foto von Maril

Autor:
Maril

Rubrik:
orientieren

23.04.2020

„Man weiß die Dinge in seinem Leben erst zu schätzen, wenn man sie verloren hat." Immer wenn ich diesen Spruch las, dachte ich: „Ach, wie einfallslos!“ Mir war klar, dass dieser Spruch viel häufiger zutraf, als einem lieb wäre, aber ständig damit konfrontiert zu werden, erzeugte bei mir nicht das gewünschte Bewusstsein für die Wahrheit, die hinter der Aussage steckt, sondern eher eine Abwehrhaltung und Frust.
Doch nun sitze ich wie wegen eines ganz bestimmten Virus zu Hause fest und merke, dass ich vieles vermisse, was ich vorher nicht wertgeschätzt habe. Natürlich vermisse ich das Offensichtliche: den täglichen Kontakt mit Freunden, die Abwechslung, Wochenendausflüge zu Freunden und Verwandten, Kino, Theater, Konzerte, der Klavierunterricht oder das Training im Verein. All das liebte ich jedoch schon vorher. Es war mir einfach bewusst, wie schön und wichtig das alles für mich ist. Doch es gibt auch Dinge, von denen ich nie gedacht hätte, dass sie so sehr zu meinem Leben gehören, dass sie mir fehlen würden. Es ist mir fast schon peinlich es zu sagen, doch ich vermisse auch die Bus-, Zug- und Autofahrten.
Fast schon wehmütig denke ich nun an die morgendliche Busfahrt in die Schule. Dabei wurde mir früher immer so schlecht im Bus. Wie sehr habe ich die lauten Fünftklässler, die unvorsichtige Fahrweise des Busfahrers und die stickige Luft verflucht. Nun vermisse ich selbst das, genau wie die stundenlangen Zugfahrten, wenn ich meine Schwester besuchen wollte. Die endlose Wartezeit auf irgendwelchen Bahnhöfen, die ich meist im Buchladen zugebracht habe, die muffigen Zugabteile der Regionalbahn, sogar die Verspätungen. Eigentlich sind Zugreisen keine wirklich angenehme Angelegenheit, doch was gäbe ich zurzeit dafür, wieder einmal mit dem Zug fahren zu können! Ich möchte mich einfach nur ans Fenster setzen, die vorbeiziehende Landschaft betrachten und irgendwann ankommen.
Ich muss auch schmunzeln, wenn ich an die langen ermüdenden Autofahrten mit meiner Familie denke. Wir haben Musik oder Hörbücher gehört und diskutiert, unser Proviant schon nach der Hälfte der Zeit aufgebraucht und an der Tankstelle Eis gegessen. Ist es nicht seltsam, dass ich all das wirklich vermisse. Ist das nicht viel eher eine Verklärung meiner Erinnerungen? Der krampfhafte Versuch all das zu glorifizieren, was ich gerade nicht habe? Oder ist es die Trägheit und unbegründete Langeweile, die mich in letzter Zeit in der Halbisolation häufiger übermannt und meine Gedanken in diese seltsamen Bahnen lenkt?