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Studentenleben live

Eisregen oder die Tram schreibt Geschichte

Autor:
Inga

Rubrik:
studium

13.01.2015

Es war der erste winterliche Tag in Prag und ich war wieder mal zu spät dran. Mit öffentlichem Nahverkehr hatte ich in Tschechien auch im Winter nur gute Erfahrungen gemacht. Ich sorgte mich also kaum, als ich aus dem Haus spurtete und mich bereits auf dem obersten Treppenabsatz fast in die Horizontale beförderte: In der Nacht hatte es geregnet und dieser Regen war zu einer spiegelglatten Eisfläche gefroren.
Trotzdem trabte ich munter zur Straßenbahn. Vorbei an zentimeterlangen Eiszapfen; jeder Grashalm und jeder einzelne Ast war von einer dicken Eisschicht umgeben und es sah einfach märchenhaft aus. Meine einzige Sorge war, dass ich vergessen haben könnte, den Fotoapparat einzupacken und als ich an der Haltestelle ankam, wunderte ich mich nur kurz, warum so unglaublich viele Menschen dort standen. Gedankenversunken sah ich mich um und wartete. Mein Blick fiel auf die Oberleitungen über der Straße. Auch dort hingen Eiszapfen. Moment?! Dort hingen Eiszapfen?! Langsam dünkte mir, dass heute keine Straßenbahn kommen würde und dass das vielleicht auch der Grund war, warum so viele Leute hier vergeblich warteten. Auf der Gegenseite fuhr ein Ersatzbus vorbei.
Es würde also früher oder später ein Bus kommen, das war gut zu wissen. Er kam aber nicht.
Mein Kurs an der Uni hatte seit einer Viertelstunde begonnen als ich auf den Gedanken kam, mit der Metro zu fahren. Die würde wohl nicht eingefroren sein. Ich wartete also eine weitere Ewigkeit auf einen anderen Bus, in dem sich dann etliche Menschen drängelten. Sie waren trotzdem guter Dinge. Niemand meckerte. Ich war die einzige, die zu spät zum Seminar kam. Alle anderen waren wohl besser auf einen Wintereinbruch vorbereitet. Erst später erfuhr ich, dass erstmalig seit Bestehen der Prager Verkehrsbetriebe das komplette Straßenbahnnetz außer Betrieb war. Interessant, wie wenig das den Menschen hier auf die Laune schlägt!

 

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