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Bachelor live

Ein Land in blau-gelb

Autor:
Ferdinand

Rubrik:
studium

27.09.2018

In diesem Land ist alles blau-gelb: die Zäune, die Schilder an den Bushaltestellen, die Haargummis der Soldatinnen, die Zugwaggons, die Parkbänke, die Lamettagirlande an der Stirnseite des Busses. Klarheit bringen endgültig die Einkaufstüten mit der gelben Sonnenblume vor dem blauen Himmel und der Aufschrift „Proud Ukraine“. Die Landesflagge ist blau-gelb und ebenso überall zu sehen.
Wir reisen stilecht mit dem Nachtzug aus Budapest an. Tee aus dem Samowar gibt es hier für ein paar Cent. Das Ruckeln wiegt uns in den Schlaf, nur an der Grenzkontrolle, wird man geweckt. Taschenlampenstrahl im Gesicht. Schämen für den deutschen Pass.
Lviv/Lemberg in der Westukraine begeistert uns. Eine Stadt, die früher mal ein melting pot der Kulturen war, ganz wie mein geliebtes Prag. Hier lebten Juden, Polen, Ukrainer zusammen. Davon ist heute nur noch wenig übrig. Wie heute mit dem jüdischen Erbe umgegangen wird, ist aus erinnerungskultureller Sicht überaus spannend: Es scheint, als würde man die Geschichte der vergangenen Hundert Jahre erst langsam aufarbeiten. Am Ort einer zerstörten Synagoge in der Innenstadt hat man eine beeindruckende Installation aus Stein, Text und Bild geschaffen. An vielen Orten informieren mittlerweile einfache Tafeln auf schwarzen Aufstellern an die geschichtsträchtigen Orte jüdischer Kultur.
Anderswo aber stoßen wir auf eine alte, leerstehende Synagoge. Ein Mann, der sich um ihre Sanierung kümmert, lässt uns ein und erklärt uns alles. So gut es geht übersetze ich mit meinen Polnisch- und Tschechischkenntnissen. Verstaubte Stuckstücke liegen herum, steinerne Texttafeln mit hebräischen Buchstaben. Hier soll ein Museum entstehen, ein Begegnungszentrum. Ob unser Geld für ein paar Postkarten wohl dabei helfen kann?
Das Land ist blau-gelb und sehr groß. Im Osten, etliche Stunden mit dem Nachtzug entfernt, ist Krieg. Das merkt man auch hier im Westen, aber nur ab und an. Auf großen Plakatwänden wird an das Nationalbewusstsein der Ukrainer appelliert. Auf dem Soldatenfriedhof sind die Grabsteine mit blau-gelben Schleifen versehen. Die Gefallenen sind oft noch jünger als ich. Seit 2014 sind laut den Vereinten Nationen über 10.000 Menschen in diesem Krieg gestorben. Über 10.000 zu viele.

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