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Mein Freiwilliges Jahr

100 Stunden

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

03.12.2014

Sonntag, 16 Uhr, ich gönne mir einen Kaffee und einen Muffin. „Was grinst du denn so?“, werde ich gefragt. „Ich habe meine ersten 100 Stunden voll“, strahle ich. „Und?“, kommt zurück. Es muss ja nicht jeder meine Euphorie teilen.

100 Stunden habe ich nun also schon im Krankenhaus gearbeitet und muss sagen: Ich habe ganz schön viel gelernt. Bin ich anfangs noch unsicher umherstolziert, so habe ich mittlerweile ein gewisses Selbstbewusstsein entwickelt. Es fällt mir leichter, auf Menschen zuzugehen, nach Dingen zu fragen, Patienten zu waschen, zur Toilette zu begleiten und zu pflegen. Ich habe die Grundlagen der Vitalzeichenkontrolle gelernt, habe mitbekommen, dass nicht immer alles rund läuft, dass es auch mal Missstände und Streit gibt – genau wie Versöhnungen. Mein Interesse an der Medizin ist größer geworden, aber ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich Arzt werden möchte. Ich hab mir das irgendwie anders vorgesellt. In Wirklichkeit haben Ärzte viel zu tun, davon aber wenig mit dem Patienten selbst. Vordergründig dreht es sich um Arbeit auf dem Papier, lediglich bei der Aufnahme und bei den Visiten bekommt der Arzt die Patienten zu Gesicht – oder wenn es ihnen akut schlecht geht. Das geschieht nicht aus Bosheit oder Ignoranz, sondern einfach, weil keine Zeit da ist. Es ist so viel zu machen, so viel einzutragen, zu durchdenken, zu besprechen und aufzuschreiben, dass einfach keine Kapazitäten bleiben, um bei den Menschen zu sein, für die es die Einrichtung Krankenhaus gibt.

Auch machen sich Ärzte selten selbst ein Bild von den Patienten. Sie bekommen alles zugetragen und sind zuständig für bis zu 20 Patienten gleichzeitig. Da ist es verständlich, dass die Zeit für den Einzelnen bescheiden ausfällt. Doch frage ich mich, ob das sein muss. Es macht den Beruf in meinen Augen wirklich unattraktiv. Ich möchte nicht Arzt werden, um am Ende vor dem Bildschirm zu hocken und nachzudenken, ohne mit den Patienten und mit meinen Mitarbeitern sprechen zu können.

Diese 100 Stunden regen mich also vor allem zum Nachdenken an und ich bin gespannt, wohin mich diese Gedanken führen.

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