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Master live

Kolonialismus 2.0 - Teil 3

Autor:
Annika

Rubrik:
studium

01.06.2017

Auch im größeren Rahmen sehe ich die Entwicklungszusammenarbeit kritisch. Organisationen aus reichen Ländern – seien es nun die großen staatlichen oder kleinere Initiativen – entwickeln Projekte und investieren viel Geld in deren Ausführung. Doch sie laufen immer Gefahr, an den Bedürfnissen und Gegebenheiten der Menschen oder des Landes vorbeizugehen.
Eine Kommilitonin berichtete mir von ihrer Arbeit in Südafrika. Sie ging in Slums in Kapstadt und sollte dort Workshops zum Thema Fremdenfeindlichkeit halten. Oft wurde sie von den Menschen dort scharf kritisiert. Ihr wurde vorgeworfen, die Situation nicht verstehen zu können, da sie als Europäerin nie in einem Slum gelebt hätte und es auch nie müsse. Meine Kommilitonin ging mit den besten Absichten nach Südafrika, aber musste sich eingestehen, dass eine Südafrikanerin den Job besser gemacht hätte als sie. Die großen Organisationen, aber auch junge Freiwilligen wie ich, werden von vielen Menschen vor Ort als Experten und Expertinnen angesehen, egal, ob sie es tatsächlich sind – ein koloniales Erbe, das weiterhin genährt wird.
„Was also tun?“, frage ich mich erneut. In keinen Flieger mehr steigen, um einen Freiwilligendienst zu leisten? Sicherlich ist das eine gute Lösung. Sie ist ökologisch sinnvoll und das Geld, das für den Auslandsaufenthalt ausgegeben würde, könnte gespendet werden und wahrscheinlich die Ausstattung für ein Klassenzimmer oder die Schulgebühren für eine komplette Klasse finanzieren. Wer wie ich trotzdem gehen möchte, kann darauf achten, zu einer Organisation von Einheimischen zu gehen. Er oder sie kann sich gegen das Bild des Experten wehren, kann mehr zuhören, als selbst zu reden, kann sich mit der Situation im Land beschäftigen.
Ich denke es ist wichtig, die eigene Rolle immer wieder zu hinterfragen, genauso wie größere politische Zusammenhänge wahrzunehmen und im Heimatland davon zu erzählen. Damit meine ich nicht, Fotos von sich und den armen Menschen zu zeigen, denen man geholfen hätte, sondern über die tatsächliche Situation zu berichten. Sich darüber zu informieren, wie Europas Machthaber und Machthaberinnen für diese Situation mitverantwortlich sind und wie auch du und ich, die keine politischen Größen sind, durch unser Konsumverhalten und unseren (unbewussten) Rassismus den Status quo einer ungerechten Welt aufrechterhalten.

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