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Medizin studieren

Ein überlaufendes Fass

Autor:
Johannes

Rubrik:
studium

17.05.2018

Im Zuge meiner Famulatur arbeite ich nun eine Woche lang in der Notaufnahme. Ich hatte mir erhofft, dort noch einmal gründlich die neurologische Untersuchung zu üben und anzuwenden. Was ich allerdings dort erlebte, hatte mit einem guten Lernumfeld nichts zu tun.
Ab 8 Uhr, also Dienstbeginn, standen oder lagen die Patienten konstant auf dem Gang, da die Untersuchungszimmer vollständig belegt waren. Die diensthabenden Ärzte, egal ob Neurologen oder Internisten, mussten von Zimmer zu Zimmer rennen und die frisch eingetroffenen Patienten so schnell wie möglich abspeisen, um die schiere Flut an Menschen zu bewältigen. Für mich als Anfänger, der naturgemäß länger für Untersuchung, Anamnese und so weiter braucht, waren das denkbar schlechte Voraussetzungen. Letzten Endes war ich dazu verdammt, daneben zu stehen und zuzusehen, wie die Ärzte triagierten, also beurteilten, wie ernsthaft die Symptome eines Patienten sind und ihn dementsprechend priorisierten – je schwerer die Erkrankung, desto schneller der Therapiebeginn.
An dieser Stelle muss ich aber auch betonen, dass es dem Klinikpersonal sehr schwer gemacht wird, da rund 80 Prozent der Patienten in der NOTFALLaufnahme kein Notfall sind. Einer litt seit drei Wochen an Husten und hatte heute beschlossen, dass es ihm reiche. Ja, bei drei Wochen Husten muss man unter Umständen was unternehmen, aber für solche Fälle gibt es Hausärzte oder Lungenfachärzte. Ein Notfall ist man damit sicherlich nicht. Und natürlich nehme ich es ernst, wenn jemand seit drei Monaten Rückenschmerzen hat, die seit gestern etwas schlimmer als sonst sind. Doch es wäre deutlich sinnvoller gewesen, im Vorfeld einfach mal zum Hausarzt oder Orthopäden zu gehen, damit Notärzte dort zum Einsatz kommen, wo sie wirklich gebraucht werden.

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