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Praktikum im Studium

Was ist auf Zypern los?

Autor:
Marie

Rubrik:
orientieren

04.09.2019

Es ist nicht ganz einfach, die Geschichte Zyperns zu erzählen. Die beiden größten Volksgruppen, die heute auf der Insel leben, sind die griechischen Zyprioten und die türkischen Zyprioten. Seit einigen Jahrzehnten stehen sie im Konflikt zueinander: Die Vereinten Nationen entsenden daher seit 1964 Soldaten aus verschiedenen Ländern nach Zypern, um den dortigen Waffenstillstand zu bewachen. Die sogenannte „Friedenstruppe der Vereinten Nationen in Zypern“ ist nach der Friedensmission in Indien und Pakistan sowie der in Israel und Palästina die, deren Einsatz unter den laufenden Missionen schon am drittlängsten andauert, weil der Konflikt nicht gelöst werden kann. Durch ihn gerät man auch schnell in Gefahr, die Geschichte der Insel auf eine Art und Weise zu erzählen, mit der sich eine der beiden Gruppen hintergangen führt. Stattdessen werde ich beschreiben, wie ich Zypern und insbesondere die Hauptstadt Nikosia heute erlebe: Die UN-Pufferzone, die von jenen UN-Soldaten bewacht wird, zieht sich quer durch die Insel und auch quer durch die Altstadt Nikosias, in deren Süden ich wohne.
Nördlich von der UN-Pufferzone wohnen vor allem türkische Zyprioten. Nachdem die Insel geteilt wurde, wurde dort die „Türkische Republik Nordzypern“ ausgerufen. Diese wird nur von der Türkei anerkannt: Das bedeutet, dass nur die Türkei öffentlich sagt, dass es sich dabei wirklich um einen eigenen Staat handelt. Südlich von der UN-Pufferzone wohnen vor allem griechische Zyprioten. Die Republik Zypern, die daher auch nur das Gebiet südlich von der Trennlinie kontrollieren kann, ist inzwischen auch Mitglied der Europäischen Union.
Die Meinungen im Süden sind unterschiedlich: Einige glauben, dass nur das Anerkennen der nördlichen Regionen als eigener Staat der Insel Frieden bringen kann. Viele sind aber strikt dagegen. An einer Haustür einige Meter von meiner entfernt hängt ein Plakat, das dazu aufruft, eben nicht von der „Türkischen Republik Nordzypern“, sondern von „durch die türkische Armee besetzten Gebiete“ zu sprechen.
All das klingt nach komplizierter Politik, aber es hat auch Auswirkungen auf meinen Alltag: Knapp zwanzig Meter Luftlinie nördlich von meinem Haus liegt ein Café, in das ich gerne mit Freunden gehe. Ohne die UN-Pufferzone wäre ich ziemlich schnell dort. Weil ich durch sie aber erst zum nächsten Checkpoint laufen und dort auf beiden Seiten meinen Ausweis vorlegen muss, um die Pufferzone durchqueren zu können, dauert der Fußweg eine knappe halbe Stunde. Da wird mir jedes Mal bewusst, welche Bedeutung Grenzen doch haben.

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