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Auszeit vom Studium

Rückblicken

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

03.11.2017

Irgendwo über Turkmenistan, nach fast der halben Flugstrecke auf dem Weg nach Kathmandu, ploppen Gedanken auf, die ich in den vergangenen Wochen zurückgehalten habe. Ich denke an meine letzte Nachtschicht in der Wohngemeinschaft für an Demenz erkrankte Menschen, in der ich seit über zwei Jahren arbeite. Mit Wehmut tat ich die routinierten Handgriffe, führte Gespräche und ging die Wege – zum letzten Mal für ein halbes Jahr. Natürlich bin ich froh über einen normalen Schlafrhythmus ohne Nachtschichten, dennoch sind mir die Bewohner ans Herz gewachsen. Auch verbinde ich Schmerz mit dieser Arbeit, weil ich miterlebt habe, wie bisher sechs Menschen verstorben sind. Es ist nicht leicht, die Verpflichtungen für mehrere Monate abzulegen, denen ich gerne nachgehe. Doch als ich die Tür dort schließlich hinter mir zuzog, lag ein Duft von Freiheit in der kühlen Morgenluft.
Die nächste markante Situation war, als ich dem Zwischenmieter meine Wohnungsschlüssel in die Hand drückte. Vorausgegangen waren turbulente Tage, in denen unsere Wohnung so voll mit Leuten war wie noch nie. Ein Freund aus Mainz war zu Besuch, dazu eine Freundin von der Arbeit, die Opfer des harten Wohnungsmarktes in Münster geworden ist und zuletzt kam auch noch der Zwischenmieter eher, da das Semester an Fachhochschulen früher beginnt. Dadurch war viel los, es war intensiv, abwechslungsreich, immer gesellig, herzlich – und dadurch fiel es mir noch schwerer, von meiner WG Abschied zu nehmen. Nun würde ich bis zur Abreise wieder zurück zu meinen Eltern ziehen. Der Duft der Freiheit wich einen Moment – nicht leicht, das alte Kinderzimmer zu beziehen und sich damit wieder in die Position des Kindes zu begeben.
Und dann war da noch meine kleine Abschiedsfeier mit Nachbarn, Freunden und Verwandten. Ich legte Flyer der Leprahilfe Shanti aus, bei der meine Freundin und ich unseren Freiwilligendienst leisten werden, und hatte bereits im Vorfeld gesagt, zugunsten von Spenden auf Geschenke verzichten zu wollen. Es kam einiges an Geld zusammen.
Morgens um halb fünf begann ich zu realisieren, dass ich fünf Monate lang nicht zu Hause sein werde. Ebenso werde ich die mir so wichtigen Menschen nicht sehen, keine Erlebnisse und Erinnerungen mit ihnen teilen. Es wird heißen: „Schade, dass du nicht dabei warst.“ Sorge macht sich breit, nach dieser Zeit plötzlich nicht mehr Teil der anderen zu sein, weil sie sich verändern, weil ich mich verändere. Aber das muss ich in Kauf nehmen und die Prüfung riskieren, welche Freundschaft hält und welche nicht.
Wir sitzen im Flugzeug auf dem Weg ins Ungewisse. Wir wagen es. Und das fühlt sich richtig an – verdammt richtig.

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