interaktiv

Medizin studieren

Der eigene Körper als Versuchskaninchen

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

11.01.2017

Etwas beschämt bewege ich den weißen Plastikbecher in meiner Hand und schaue meine Gruppe an. Meine Kommilitonen lächeln belustigt, weil ich ausgesucht wurde und pinkeln muss. Mein Urin soll für ein paar Tests verwendet werden, die wir im Rahmen des Physiologie-Praktikums machen. Dafür werden zwei Gruppen gebildet: Jede soll vier Proben des Urins mit Zucker, Proteinen, Blut oder Sediment versetzen und eine andere Gruppe muss anschließend mit verschiedenen Analyseverfahren herausfinden, was sich im Urin befindet. Und einen Doofen, der seinen Urin spendet, muss es schließlich auch geben – ich, war ja klar.
Die Physiologie ist die Lehre des gesunden menschlichen Körpers. Sie beschreibt und erklärt, wie er funktioniert, welche Aufgaben die Niere oder die Lunge haben, was die Voraussetzungen für ein reibungsloses Ineinandergreifen der Organe sind, wie Muskeln kontrahieren oder der Darm verdaut. Für dieses Fach haben wir neben einer täglichen Vorlesung um acht Uhr morgens ein zweiwöchentliches Seminar samt Praktikum. Darin behandeln wir die zuvor in der Vorlesung abgearbeiteten Themen, können Fragen stellen und den Stoff vertiefen. Im Praktikum erfahren wir praktisch, wie Organe funktionieren.
Der erste Praktikumstag umfasste das Thema Lunge, also Atmung. Vier Versuche standen hier an. Wir wurden verschiedenen Bedingungen ausgesetzt, um zu schauen, wie unsere Atmung darauf reagiert. Eingangs hatten wir untersucht, was wir maximal und wie schnell ein- und ausatmen können. Dabei sollten wir hier ein Gefühl dafür erhalten, was körperlich normal ist. Wir lernten, dass unser Atemzentrum im Gehirn deutlich schlechter auf eine sinkende Sauerstoffkonzentration reagiert als auf eine ansteigende Kohlenstoffdioxidkonzentration, da dies aufgrund der Übersäuerung des Blutes viel gefährlicher ist. Genau das haben wir am eigenen Leib erfahren: Ein Kommilitone bekam sauerstoffarme Luft und hielt ein paar Minuten durch, seine Atmung wurde kräftiger und schneller, was auf einem Diagramm festgehalten wurde. Erst nach fünf musste er abbrechen, weil das Gefühl der Luftnot zu groß wurde. Ich versuchte es mit der kohlenstoffdioxidreichen Luft – und musste bereits nach einer Minute angeben, dass es nicht mehr ging. Schwindel, Atemnot und Übelkeit setzten sehr schnell ein, die Atmung ging rascher und der Puls kletterte in die Höhe. Einen Motivationsschub gibt dieses Fach auf jeden Fall, denn es ist greifbar und der Medizin nahe.

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