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FSJ in Nicaragua

Schrecklich, aber wahr (Teil 2)

Autor:
Esther

Rubrik:
auszeit nach dem abi

26.01.2011

Seit Danielas Geburt habe sie dafür gearbeitet, dass ihre Töchter eines Tages ein anderes Leben führen könnten als sie, schluchzte meine Gastmutter. „Dani hatte doch so viele Pläne. Erinnerst du dich noch, dass sie immer gesagt hat, dass sie eines Tages Architektur in Managua studieren wollte?“, fragte sie mich. Dann fügte sie hinzu: „Und stell dir vor, Esther, ich kann nicht einmal mehr aus dem Haus gehen, ohne dass die Leute hinter vorgehaltener Hand über mich reden.“ Ich konnte es mir nur zu gut vorstellen, wie schrecklich es für sie sein musste, in diesem kleinen Dorf zu leben, in dem alle nur darauf warteten, sich an den Leiden der anderen zu ergötzen.

Schließlich fing sie auch noch an, sich Vorwürfe zu machen. Sie hätte Noel niemals erlauben dürfen, bei ihrer Tochter zu übernachten. Vielleicht hatte ihre Familie ja Recht, wenn sie meinten, dass sie eine Rabenmutter sei.

Ich konnte es kaum aushalten, die Verzweiflung und Trauer in ihrer Stimme zu hören. Ich versuchte, sie zu beruhigen, ihr zu sagen, dass sie alles nur Erdenkliche getan habe, um die Schwangerschaft ihrer Tochter zu verhindern, und, dass alles keinesfalls ihre Schuld sei. Doch ich wusste, dass ich eigentlich nichts tun konnte, um ihren Schmerz zu lindern.

Als ich später im Bett lag, versuchte ich mir meine kleine Gastschwester mit dickem Bauch vorzustellen. Bei dem Gedanken daran, wie sehr die Schwangerschaft ihr Leben verändern und wie sehr nicht nur sie, sondern auch meine Gastmutter noch leiden würde, rollten mir die Tränen über die Wangen, die ich schon den ganzen Abend zurückgehalten hatte.

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