interaktiv

Die Lehrer von morgen

Der frische Wind

Autor:
Hannah

Rubrik:
studium

30.11.2016

Die Professur in Psychologie/Diagnostik in meiner Fachrichtung, dem Förderschwerpunkt Sprache, war längere Zeit unbesetzt. Seit diesem Semester ist nun ein neuer Professor da, der uns vorher vielsagend als „frischer Wind in der Fachrichtung“ versprochen wurde. Ich habe mich immer gefragt, wie das zu verstehen ist, aber ich glaube, jetzt habe ich die Antwort gefunden.
So wie ich das Sonderpädagogikstudium bisher kenne, werden Prüfungsleistungen in Didaktik und Diagnostik besonders deshalb kritisiert, weil ein Kind zu „defizitorientiert“ beschrieben wird: Anstatt darauf zu schauen, was ein Kind noch nicht kann, sollte man sich lieber an den bereits erworbenen Kompetenzen orientieren, an den Ressourcen, die genutzt werden können und auf die aufgebaut werden kann. Mein neuer Professor vertritt eine ziemlich gegensätzliche Meinung: Das sei ja alles schön und gut, sagt er, „aber wenn wir ein Gutachten schreiben, in dem wir den Förderbedarf eines Kindes erklären wollen, nützt es nichts, zwölf Seiten blumig zu beschreiben, wie toll dieses Kind ist, wenn wir doch eigentlich aufzeigen wollen, wo wir ansetzen müssen und wo die Schwierigkeiten liegen.“
Viele Kommilitonen waren nach der ersten Veranstaltung beim neuen Prof ziemlich irritiert und scheinen jetzt Schwierigkeiten zu haben, sich zwischen den verschiedenen Meinungen zu positionieren. Meine Reaktion war eher ein „endlich sagt mal jemand, was ich die ganze Zeit denke“. Natürlich sollte man sich ein Kind und sein Umfeld genau anschauen, bevor eine weitreichende Diagnose gestellt wird. Aber was ist denn so verwerflich daran, zu benennen, was das Problem ist? Natürlich gibt es die Gefahr, dass ein Kind nur auf einen Testwert reduziert wird und als Mensch aus dem Blick gerät. Aber ich denke nicht, dass das der Diagnostik als wissenschaftlicher Disziplin zuzuschreiben ist, sondern vielmehr den Menschen, die dahinter stehen und darauf achten müssen, vernünftig mit den Ergebnissen umzugehen.

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