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Autor:
Maril

Rubrik:
orientieren

24.06.2020

Gibt es jemanden, der in Zeiten von Corona nicht ein kleines Kindheits-Revival oder einen Nostalgie-Schub erlebt hat? Es würde mich überraschen. Ich habe das Gefühl, dass so gut wie jeder meiner Freunde in dieser Zeit einmal ein altes Fotoalbum durchblättert oder die Bilder auf dem Laptop neu sortiert und dabei mit vielleicht wehmütigem Blick angeschaut hat. Das liegt nicht nur daran, dass vieler meiner Freunde wie ich Abiturienten sind, die sowieso gerade zurückblicken, weil ihr erster großer Lebensabschnitt beendet ist. Es liegt einfach daran, dass man viel Zeit zu Hause verbringt. Die Freizeit, die man ansonsten beispielsweise im Fitnessstudio, im Kino oder beim Buchklub verbracht hätte. Irgendwann beginnt man bei all der freien Zeit sich unterbewusst zu langweilen, durchschmökert die Regale, denkt an die Urlaube der letzten Jahre, liest alte Tagebücher und lässt die Gedanken schweifen. Ich erwische mich selbst dabei, wie ich häufig beim Lesen kurz innehalte, das Buch offen auf meinen Schoß lege und mit den Gedanken abschweife. Manchmal ist es ein Satz, den ich gerade gelesen habe oder ein Geräusch oder irgendetwas in der Umgebung, das mich in die Welt der Erinnerungen eintauchen lässt. Natürlich haben nicht alle so viel Freizeit und sind durch Home Office und der natürlich immer noch zu bewältigenden Hausarbeit womöglich gestresster als sonst. Doch für mich als Abiturientin bedeutet diese Kombination aus freier Zeit, die man nach den Abiturprüfungen sowieso schon hat und den Einschränkungen des gesellschaftlichen Lebens, dass ich viel, sehr viel freie Zeit zu Hause habe. Zum Glück gibt es den Garten, viele Bücher, Netflix und seit Neuestem sind nun auch Fotoalben auf meiner Agenda. Es ist wirklich erstaunlich, was man so alles in irgendwelchen eingestaubten Kisten oder halb zerfallenen Fotoalben findet! Von niedlich über peinlich bis verstörend ist alles dabei. Ein Glück sind meine Eltern so altmodisch, dass sie erst vor zwei Jahren auf eine Digitalkamera umgestiegen sind, das heißt, all diese Fotos existieren nur einmal, im schlimmsten Fall zweimal.

Wenn ich so zurückblicke und in Erinnerungen schwelge, wird mir klar, wie schön und aufregend meine Kindheit war. Irgendwie schäme ich mich nun dafür, dass ich manchmal so zickig oder betrübt oder neidisch und damit einfach nur undankbar war – und vermutlich auch in Zukunft immer wieder mal sein werde. Scheinbar ist man nie vollkommen und dauerhaft zufrieden, egal wie viel man hat. Die Tatsache, dass man sich dessen bewusst ist und dennoch und wider besseres Wissen aufgrund irgendwelcher Lappalien Unzufriedenheit, Neid und Wut empfindet, scheint mir an der ganzen Sache besonders beschämend zu sein.

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