interaktiv

Medizin studieren

Lange Tage und Heimweh

Autor:
Thilo

Rubrik:
studium

02.12.2015

Die zweite Woche meines Medizinstudiums liegt nun hinter mir. Sie zieht in Gedanken an mir vorbei, während ich diesen Text schreibe und im Zug aus dem Fenster schaue. Ich fahre zurück nach Münster in mein neues Zuhause. Vom alten komme ich gerade, denn ich habe meine Eltern besucht, da ich sie, obwohl ich es wirklich nicht gedacht hätte, zu vermissen begann.

Nach einem langen Wochenende im Rahmen der Orientierungs-Woche starteten wir Montag wieder mit Physik, Chemie und Biologie. In meinem zweiten Praktikum sollte ich die Größe von Proteinen experimentell herausfinden – was tatsächlich geklappt hat. Mittlerweile besuche ich kaum noch Veranstaltungen in Chemie, weil die Vorlesungen mir weniger geben als ich angenommen habe. Stattdessen begebe ich mich in die Bibliothek oder lese zu Hause über Orbitale im Atom, die Ladungsenergien von Elektronen oder, ganz klassisch, über das Periodensystem.

In der zweiten Woche hat auch der Terminologie-Kurs begonnen. Hier lernen wir Latein, ähnlich wie in der Schule, nur mit ganz klarem medizinischen Bezug. Da ich mein Latinum bereits gemacht habe, muss ich nur vier Kursstunden besuchen, danach wird die Teilnahme freiwillig. Unser Tutor teilte uns aber mit, dass wir ab der siebten Stunde wieder dabei sein sollten, um einige sehr interessante und wichtige Inhalte noch mitzubekommen. Das nehme ich mir natürlich zu Herzen.

Außerdem stand in meinem Projektfach zur Einführung in die klinische Medizin (Anästhesie) ein Referat an, das die Lokalanästhesie – die Betäubung ohne Narkose – zum Thema hatte. Hierbei wird ein Schmerzmittel in ein Gewebe gegeben, um Nervenbahnen unsensibel zu machen. Der Patient spürt keine Schmerzen bei dem Eingriff. Leider lag vor diesem Referat eine Nachtschicht meines neuen Nebenjobs, sodass ich bei meinem Vortrag mehr ab- als anwesend war. Doch mein Kontostand zeigt mir, dass es sich tatsächlich lohnt, neben dem Studium noch ein wenig zu arbeiten. Ich kann mir deutlich mehr leisten und betrachte meine Finanzen sorgenfreier. Auch ist es mir während der Nachtschichten gut möglich, etwas für die Uni zu tun und beispielsweise mein Vokabelheft für Anatomie zu schreiben oder ein bisschen Chemie zu lernen.

Ich finde, mittlerweile zieht das Tempo ganz schön an und meine Kommilitonen machen sich ziemlich verrückt: Jeder arbeitet jetzt schon viel nach, bereitet sich auf Vorlesungen vor und lernt für Klausuren, die in weiter Ferne liegen. Als meine Mitbewohnerin eine Studentin aus einem höheren Semester fragte, wie Intermediärfilamente und Gürtel-Desmosomen zusammenhängen, machte diese große Augen und fragte, ob sie nicht noch am Anfang des Semesters stünde. Wir haben Zeit – das war ihre Botschaft. Auch das sollte ich mir merken.

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