interaktiv

Auszeit vom Studium

Von Niederlagen und falschen Erwartungen

Autor:
Thilo

Rubrik:
orientieren

01.12.2017

In den ersten beiden Wochen bei der Leprahilfsorganisation Shanti musste ich oft an meine Zeit als Freiwilliger im Krankenhaus vor drei Jahren zurückdenken. Dabei erinnerte ich mich daran, dass nicht immer alles glatt lief und ich besonders am Anfang Zeit brauchte, bis ich alle Arbeitsabläufe verstanden hatte und befolgen konnte. Aber damals habe ich trotz weniger Vorkenntnisse schnell viel bewirken können, indem ich einfach mitangepackt habe. Das ist jetzt nicht mehr so. Auch nach acht Stunden, die ich täglich im Center verbringe und mir selbst gestellte oder seltener erteilte Aufgaben angehe, lassen sich meine Erfolgserlebnisse an einer Hand abzählen. Das ist frustrierend, weil ich mit einer ganz anderen Erwartung hergekommen bin und etwas bewegen möchte.
Schwierigkeiten ergeben sich in vielerlei Hinsicht. Das Konzept hier besteht daraus, dass man alle Freiheiten hat, sich Projekte und Herausforderungen zu suchen und zu bearbeiten. Doch ich lerne schnell, dass Freiheit auch Verantwortung bedeutet. Ob ein Projekt klappt oder nicht, fällt ganz allein auf mich zurück – und damit auch, ob die Spendengelder gut zum Einsatz kommen, die Menschen aus aller Welt mit gutem Absichten gezahlt haben.
Es fühlt sich an, als müsste ich täglich einen kilometerlangen Hürdenlauf bewältigen. Die Sprachbarriere ist eine solche Hürde. Oftmals verständigt man sich mit Händen und Füßen, denn ich spreche nur wenige Worte Nepali und kaum jemand spricht so Englisch, dass es zum Besprechen der Projekte ausreicht. Dazu prallen zwei verschiedene Arbeitsmentalitäten und Vorstellungen aufeinander. So muss zum Beispiel der Schreiner erst überzeugt werden, dass die Kinder im zweiten Stock der Klinik eine neue Sitzbank brauchen, bevor er sie tatsächlich baut.
Aber die größte Hürde bleibt bisher unerwähnt – die bin ich mir, die ist sich jeder Volontär hier selbst. Ich merke das in jeder unserer abendlichen Diskussionen. Es geht oft um die Fragen: Was mache ich hier eigentlich? Ist das, was ich tue, sinnvoll? Warum bin ich mir bei allen Aufgaben so unsicher? Man muss den Mut entwickeln, zu sagen, dass etwas so und so geändert werden muss, ohne dem anderen auf die Füße zu treten – ein Balanceakt. Auch fehlt uns die Geduld. Wir sind es gewohnt, dass alles schnell geht, und reden von verschwendeter Zeit, wenn etwas länger dauert. Ich merke bei solchen Gedanken, wie oft es in den vergangenen beiden Jahren meines Studiums darum ging, wer wie produktiv ist – von dieser Denkweise muss ich mich verabschieden.

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