interaktiv

Mein Freiwilliges Jahr

„Darf es noch etwas sein?“

Autor:
Lydia

Rubrik:
orientieren

05.03.2018

Viele Patienten verwechseln das Krankenhaus mit einem Luxushotel. Wenn ich Glück habe, sind diejenigen nach dem tausendsten Wunsch endlich zufrieden – meistens aber nicht. Da wird nach einer Scheibe Käse mehr gefragt, weil das Essen zu wenig ist. Im nächsten Zimmer werde ich angemeckert, dass zu viel auf dem Teller liegt und so viel weggeschmissen wird. Oder jemand beschwert sich, dass das zur Verfügung gestellte Shampoo nicht zu seiner Haarstruktur passt. Dass jeder Patient anders ist und ich mein Bestes gebe, um es jedem recht zu machen, wird meistens vergessen.
Vor meinem FSJ hätte ich mir nie vorstellen können, welche Anforderungen manche Patienten stellen. Teilweise gehen diese auch noch weit über die Aufgaben des Pflegepersonals hinaus. Vor Kurzem wurde ich etwa von einer Patientin aufgefordert, den Schuh ihrer Mitpatientin zu suchen: „Bitte auf dem ganzen Gelände, denn sie weiß nicht, wo genau sie ihn verloren hat“.
Die wohl anstrengendsten Wünsche hatte eine isolierte Patientin. Bei ansteckenden Krankheiten muss gerade im Krankenhaus auf strenge Hygiene geachtet werden, daher werden gewisse Patienten isoliert untergebracht. Ich als Pflegekraft muss mich jedes Mal mit Kittel, Mundschutz, Handschuhen und Haube schützen, zudem mehrfach desinfizieren, bevor ich zu ihr ins Zimmer gehe. Dass das Prozedere eine Weile dauert, ist eigentlich selbstverständlich – nicht für sie. Als ich – komplett verhüllt – das Frühstück hereinbrachte, verlangte sie nach mehr Zucker. Also alle Schutzsachen wieder ausgezogen, desinfiziert, raus aus dem Zimmer und Zucker geholt. Wieder angezogen, desinfiziert, ins Zimmer rein. „Kann ich noch was zu trinken haben?“. Wieder ausgezogen, desinfiziert, Getränk geholt, angezogen, desinfiziert, wieder rein. Insgesamt hat sie mich sechsmal hin und her laufen lassen. Sie wollte nicht verstehen, dass sie ihre Wünsche gesammelt abgeben sollte.
Auch andere Patienten denken, dass wir nur für sie da sind. Wenn ich nicht innerhalb einer Minute an der Klingel bin, werde ich mit schlechter Laune und dem Spruch „Warum dauert das so lange?“ empfangen. Dass zum Beispiel in einem anderen Zimmer gerade ein Notfall ist, wird nicht bedacht. Nicht falsch verstehen: Ich mag meine Arbeit. Aber es gibt gewisse Patienten, bei denen ich erst mal tief durchatme, bevor ich ihr Zimmer betrete.

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