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Gute Musik als Motivation

Porträt-Foto von Felix Mildenberger
Ein Leben für die Musik: Schon im Kindesalter erlernte Felix Mildenberger drei Musikinstrumente. Heute ist er einer der erfolgreichsten Jungdirigenten der Welt.
Foto: Jasper Ehrich

Felix Mildenberger

Gute Musik als Motivation

Felix Mildenberger zählt zu den talentiertesten deutschen Nachwuchsdirigenten. Gerade wurde bekannt, dass er mit Beginn der nächsten Saison offiziell Assistent des renommierten estnischen Dirigenten Paavo Järvi beim Tonhalle-Orchester Zürich wird. abi» erzählt der 28-Jährige von seinem Weg ans Dirigentenpult.

abi» Herr Mildenberger, wie sind Sie eigentlich zur Musik gekommen?

Felix Mildenberger: Mein Vater spielt Geige, meine Mutter hat in einem Chor gesungen und Gitarre gespielt. Beide sind zwar keine professionellen Musiker, bei uns waren aber immer eine Liebe zur Musik und eine Sensibilität dafür vorhanden, dass man Musik nicht nur als Hintergrund-Entertainment nutzt, sondern sie bewusst hört, sich mit ihr auseinandersetzt und sie schätzt.

abi» Sie hatten Geigen-, Bratschen- und Klavier-Unterricht. Wann hielten Sie das erste Mal einen Taktstock in der Hand?

Ein Porträt-Foto von Felix Mildenberger

Felix Mildenberger

Foto: Jasper Ehrich

Felix Mildenberger: Eher spät. Mit 17 Jahren habe ich in einem französisch-deutschen Jugendorchester mitgespielt und das erste Mal sinfonisches Repertoire kennengelernt. Ich bin in der Provinz aufgewachsen, für einen Opern- oder Sinfoniekonzertbesuch hätten wir weit fahren müssen. Das Spielen im Orchester und die Stücke haben mich wahnsinnig fasziniert. Unser Dirigent, Alexander Burda, hatte eine ganz tolle Art, die Proben zu gestalten, und er bot uns an, einmal selbst zu dirigieren – das waren meine ersten prägenden Erfahrungen mit dem Taktstock. Ich konnte mich in einer Weise ausdrücken, die mir bis dahin verschlossen oder zumindest nicht bekannt war. Alexander Burda wurde mein erster Lehrer und bereitete mich auf die Aufnahmeprüfung vor. Damals war ich ein komplett unbeschriebenes Blatt, hatte nicht nur in Sachen Repertoirekenntnis viel aufzuholen. Aber ich brachte eine große Begeisterung und riesige Neugier mit, wovon ich bis heute zehre.

abi» Inzwischen dirigieren Sie Konzerte in Hamburg, Turin, Paris, London oder St. Petersburg. Wie ist es, so viel auf Reisen zu sein?

Felix Mildenberger: Spannend, bereichernd und abwechslungsreich. Ich lerne viele tolle Orte auf der Welt kennen. Aber es hat auch seinen Preis. Es ist anstrengend und man verbringt viel Zeit an Flughäfen und mit Kofferpacken. Auch organisatorisch ist es eine Herausforderung. Man darf nicht unterschätzen, wie viel Zeit ich mit Dingen wie Mails beantworten, Reiseplanung, Internetseite pflegen, Probenpläne erstellen oder mit Veranstaltern kommunizieren verbringe. Demnächst wird mich hierbei eine Agentur unterstützen.

abi» Wie kommt man an solch eine Agentur?

Felix Mildenberger: Eine Initiativbewerbung bei Agenturen ist selten erfolgreich – sie erhalten zu viele Anfragen. Ich hatte Glück, denn mich haben infolge meiner Wettbewerbserfolge ziemlich viele kontaktiert. Wettbewerbe helfen enorm – sie machen einen in der Szene bekannt. Was wichtig ist, denn wer nicht den Berufsweg über eine Anstellung als Kapellmeister wählt, braucht Referenzen und Aufmerksamkeit. Erst dann besteht die Chance, für ein Engagement angefragt zu werden.

abi» Im November gewannen Sie die Donatella Flick LSO Conducting Competition. Zur Auszeichnung gehört, dass Sie „Assistant Conductor“ des London Symphony Orchestra sein dürfen. Was bedeutet es, Assistent zu sein?

Felix Mildenberger: Höchste Flexibilität: Man muss immer top vorbereitet und auf alles gefasst sein, auch auf den Ernstfall: Ich muss damit rechnen, kurzfristig eine Probe zu übernehmen oder bei einem Konzert einzuspringen. Das ist eine große Herausforderung – und natürlich eine Chance. Meine Assistenz bei Emmanuel Krivine ist auf ihn zugeschnitten. In London assistiere ich dem gesamten Orchester, also nicht nur dem Chefdirigenten Sir Simon Rattle, sondern auch den Gastdirigenten. Bei Sir Simon Rattle sitze ich in der Regel im Saal, mache Notizen und gebe ihm Rückmeldung, wie das, was er vorne probt, im Saal ankommt. Er stellt mich aber auch regelmäßig vor das Orchester und läuft durch die Ränge, um sich selbst ein Bild zu machen. Zudem dirigiere ich bei beiden Orchestern viele Kinder- und Familienkonzerte.

abi» Sie sind erst 28 Jahre alt und stehen Profimusikern mit deutlich mehr Berufs- und Lebenserfahrung als Chef gegenüber.

Felix Mildenberger: Das ist mit die größte Herausforderung an meinem Job. Doch man muss eben irgendwann anfangen. Der einzige Unterschied zum üblichen Berufseinsteiger ist, dass wir direkt in einer Chefposition beginnen. Vorne am Pult ist es meine Aufgabe zu führen, Dinge zu entscheiden. Aber es ist immer ein Geben und Nehmen. Zum Führen gehört also auch das Zuhören, Annehmen und Vertrauen. Es geht darum, gemeinsam ein Werk zu erarbeiten und wir alle tragen unseren Teil dazu bei. Dabei versuche ich, mich stets auf die Musik zu konzentrieren und nie zu meinen, ich wüsste es besser. Ich komme mit einem sehr klaren Konzept, aber dieses wird bereichert durch das, was das Orchester mitbringt. Und es ist klar, dass ich noch viel zu lernen habe.

abi» Sie spielen oft im Ausland – wie läuft hierbei die Kommunikation?

Felix Mildenberger: In Frankreich probe ich auf Französisch, das mögen die Franzosen lieber (lacht). Sonst kommt man mit Englisch meist gut zurecht. Man lernt aber auch, das Reden auf die wirkliche Essenz zu beschränken. Gerade wir jungen Dirigenten neigen dazu, zu viel zu reden und meinen, alles ansagen und beschreiben zu müssen.

abi» Gibt es ein Orchester, das Sie unbedingt mal dirigieren wollen?

Felix Mildenberger: Für mich ist es nie entscheidend gewesen, mit einem bestimmten oder besonders renommierten Orchester aufzutreten. Der Beruf war für mich nie mit Prestige verbunden. Ich will nach wie vor gute Musik machen, wo auch immer das sein mag. Das klingt fast trivial und vielleicht ein bisschen naiv, aber das ist meine Motivation. Ich habe das Glück, mit fantastischen Musikern zusammenzuarbeiten und Stellen bei drei der besten europäischen Orchester zu haben. Gleichzeitig mache ich immer wieder Laienprojekte. Ich möchte der Musik treu sein, sie möglichst gut aufführen – in einem Umfeld, in dem ich respektiert bin und mich künstlerisch in der Zusammenarbeit mit den Musikern ausleben kann.

Über Felix Mildenberger

Felix Mildenberger, geboren 1990 im Schwarzwald, studierte Orchesterleitung in Freiburg und Wien. Er lernte bei zahlreichen renommierten Dirigenten, erhielt mehrere Stipendien und nahm erfolgreich an Wettbewerben teil. Er ist Assistant Conductor beim Orchestre National de France, beim London Symphony Orchestra sowie ab der Saison 2019/20 auch beim Tonhalle-Orchester Zürich. Außerdem ist der 28-Jährige Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des von ihm mitgegründeten Sinfonieorchesters Crescendo Freiburg.

abi>> 12.04.2019