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Gesundheitswirtschaft – Interview

„Digitale Systeme unterstützen bei der Arbeit“

Prof. Dr. Erwin Böttinger ist Leiter des Digital Health Centers am Hasso-Plattner-Institut (HPI) und Professor für Digital Health – Personalized Medicine an der gemeinsamen Digital-Engineering-Fakultät des HPI und der Universität Potsdam. Zusammen mit Dr. Jasper zu Putlitz hat er das Buch „Die Zukunft der Medizin“ herausgebracht. Mit abi» spricht er über Trends der gesundheitlichen Versorgung.

Pflegekraft testet bei einem Patienten den Blutzuckerwert. Foto: Thomas Lohnes

Piekst hier bald ein Roboter? Die Zukunft der Medizin steckt voller Überraschungen.

abi» Herr Prof. Dr. Böttinger, wohin entwickelt sich die gesundheitliche Versorgung?

Porträt von Prof. Dr. Erwin Böttinger

Prof. Dr. Erwin Böttinger

Prof. Dr. Erwin Böttinger: Der größte Trend ist die Digitalisierung, und zwar auf allen Ebenen: in der Gesundheitspolitik, bei den Branchenverbänden und -vereinigungen, den Krankenkassen, in Patientenorganisationen, Krankenhäusern und Praxen. Die Corona-Pandemie hat verstärkt gezeigt, dass wir mit Digitalisierung den Herausforderungen der Branche besser gerecht werden können. Ein Stichwort ist zum Beispiel die geplante Einführung der elektronischen Patientenakte, die Daten der Vorsorge und der Behandlung von Krankheiten elektronisch erfassen soll. Damit kann dann auch die künstliche Intelligenz flächendeckend eingesetzt werden.

abi» Welche Beispiele gibt es für den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Gesundheitswirtschaft?

Prof. Dr. Erwin Böttinger: Man kann zum Beispiel in eine Smartphone-App oder auf einer Website seine Krankheitssymptome eingeben. Eine künstliche Intelligenz analysiert die Eingaben und ermittelt, was diesen Symptomen zugrunde liegen könnte und ob ein Arztbesuch angebracht ist oder man damit noch warten kann. Wenn solche Informationen mit den Daten aus einer elektronischen Patientenakte verknüpft werden könnten, wäre das ein echter Mehrwert für jeden Einzelnen.

abi» Was ändert sich dabei für die Mitarbeiter der Gesundheitswirtschaft?

Prof. Dr. Erwin Böttinger: Es wird ganz neue Arbeitsfelder geben. In der Medizin, in der Pflege und in der Therapie, aber auch in der Pharmazie oder in den Apotheken wird viel mehr Technologie eingesetzt werden. Die Mitarbeiter aller Bereiche werden sich mehr mit Informatik, Computerwissenschaften und Datenwissenschaften beschäftigen müssen. Ein Beispiel für eine Weiterbildung ist der Masterstudiengang Digital Health an der Digital-Engineering-Fakultät des Hasso-Plattner-Instituts und der Universität Potsdam. Hier finden sich Mediziner ebenso wie Pharmazeuten, Biotechnologen, Ingenieure oder Mitarbeiter von Start-ups aus der Medizintechnik.

abi» Besteht die Gefahr, dass der menschliche Aspekt der Gesundheitsversorgung bei all der Digitalisierung auf der Strecke bleibt?

Prof. Dr. Erwin Böttinger: Ganz im Gegenteil. Fachkräfte in Medizin und Pflege zerbrechen derzeit an der Vielzahl von Messungen und Dokumentationen, die sie anfertigen müssen. Wenn solche sich wiederholenden Arbeiten automatisiert werden können, unterstützen digitale Systeme hervorragend bei der Arbeit. Dadurch kann sich das medizinische Personal wieder viel mehr auf die Patienten fokussieren und die Qualität der Behandlungen wird steigen. Die Gesundheitswirtschaft wird auf jeden Fall eine Branche bleiben, bei der der Mensch im Mittelpunkt steht.

Video

Weitere Filme findest du auf der abi» Videoübersicht.

abi» 31.08.2020

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